Glasscheiben richtig sichern – Vogelanflug verhindern

Immer wieder sehe ich es: Fensterscheiben bestückt mit Post-its! Immer wieder erlebe ich die gleichen Diskussionen: Reichen solche kurzfristigen Markierungen der Glasscheiben aus, um dauerhaft seine Wellensittiche vor Kollisionen zu schützen? Und immer wieder bekomme mit: ein oder mehrere Wellensittiche sind an der Scheibe tödlich verunglückt! Dabei sind gerade solche Unfälle vermeidbar – und das ohne großen Aufwand für uns Wellensittichhalter!

Fenster sind immer ein großes Thema bei uns Indoor-Vogelhaltern: Zum einen können die Fensterfronten nicht groß genug sein, um so viel Tagslicht wie möglich hineinzulassen. Außerdem sind Fenster extrem wichtig, um für gute Raumluft zu sorgen. Zum anderen birgen Fenster nicht nur die (potenzielle) Gefahr des Entfliegens, sondern sind der größte Risikofaktor für unsere Stubenadler in Bezug auf Kollisionen.

Doch lernen Wellensittiche, was eine Scheibe ist oder muss ich Glas dauerhaft sichern? Wer hat in den Diskussionen recht? Es gibt auf der Seite der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz sehr gute Rechercheergebnisse zum Thema Vogelanflug. Zwar liegt der Fokus hier auf (Wild-)“Vogelfreundliches Bauen mit Glas und Licht„, dennoch sind die Testergebnisse auch für uns Wellensittichhalter höchstrelevant und auf jeden Fall lesenswert. Da nicht jeder die Lust und die Zeit hat, sich durch das 60 Seiten lange PDF-Dokument zu arbeiten, fasse ich die wichtigsten Punkte für euch zusammen und beantworte die wichtigsten Fragen zu diesem Thema.

1. Wie nehmen Vögel ihre Umwelt wahr?

Um zu verstehen, weshalb wir dauerhaft unsere Fensterscheiben sichern müssen (ja, ich weiß, Spoileralarm!), müssen wir uns kurz mit den biologischen Grundlagen beschäftigen. Wellensittiche haben wie viele ‚Beutevögel‘ ihre Augen sehr weit seitlich, was ihnen einen „Weitwinkelblick“ von fast 180 Grad je Auge ermöglicht. Allerdings wird nur ein vergleichsweise kleiner Winkel von beiden Augen gleichzeitig abgedeckt, was die räumliche Wahrnehmung stark eingeschränkt. Mit anderen Worten: Alles, was direkt vor dem Vogel passiert, liegt im toten Winkel. Hinzukommt, dass Wellensittiche Glasscheiben aufgrund der Transparenz nicht als Hindernisse erkennen können. Zusammengefasst lässt sich also sagen: Wellensittiche können bei einem Frontalanflug die Glasscheiben weder sehen, noch als Hindernis erkennen!

2. Wie werden optische Reize im Gehirn verarbeitet?

Während die Wissenschaft inzwischen viel über das Vogelauge herausgefunden hat, ist die Frage nach der Verarbeitung der optischen Reize im Gehirn noch weitestgehend ungeklärt. Beobachtungen zeigen aber, dass Vögel sehr gut an ihre Umgebung angepasst sind und optische Signale schnell umsetzen. So können gerade kleine Vögel blitzschnell kollisionsfrei durch Bäume und Sträucher flitzen. Selbst kleinste Löcher im Geäst werden von ihnen als Durchflugmöglichkeit angesehen. Das habt ihr sicherlich auch schon mal bei euren Wellensittichen beobachten können. Der Klassiker, der jedem Vogelhalter bekannt sein sollte: Man steht mit seinem ganzen Körper vor der Käfigtür, hat Zeitdruck mit dem Einfangen, weil die vogelkundige Tierarztpraxis gleich schließt… und schwupp, irgendwie gelingt es den fliegenden A***löchern genau in diesem Moment den winzigsten Spalt auszunutzen und aus dem Käfig zu entkommen. Wir gucken dann immer blöd aus der Wäsche und die Viecher lachen sich auf der Gardinenstange fast scheckig… Ist das euch bekannt oder geht es nur mir so? Aus dieser erhellenden Erkenntnis ergibt sich folgendes:

Handflächenregel: Als Regel kann man [bei Wellensittichen] die Größe einer Handfläche nehmen, um abzuschätzen, ob Öffnungen für Vögel zum Durchfliegen geeignet wären. Quelle: berlin.de

3. Helfen UV-Stifte zur unsichtbaren Markierung von Glasfronten?

Immer wieder mal wird in Wellensittichgruppen die Nutzung von UV-Stiften diskutiert. Die Wissenschaftler, die mit der Erstellung des bereits zitierten Dokuments für die Senatsverwaltung beauftragt worden sind, konnten bisher aber noch nicht zufriedenstellend klären, ob Vögel durch UV-Markierungen auf Glasscheiben vom Anflug abgehalten oder vielleicht sogar angezogen werden. Daher sind solche Experimente bitte nicht im Vogelzimmer durchzuführen. Das Risiko einer tödlichen Kollision ist sehr hoch und neue Forschungsergebnisse sind vorzugsweise nicht mit den eigenen Wellensittichen zu liefern!

4. Aber meine Wellensittiche fliegen nach der anfänglichen Markierung durch Post-its gar nicht gegen die Scheibe! Haben sie gelernt, dass dort ein Fenster ist?

Lernen setzt einen Erfahrungs- und/oder Erkenntnisprozess voraus. Da Wellensittiche aus der bloßen mündlichen Warnung des Halters („Achtung, Scheibe! Tut weh!“) in der Regel keine Erkenntnis gewinnen, bleibt nur das Lernen durch Erfahrung. Sprich, der Vogel muss erst gegen das Fenster knallen. Der Lernerfolg ist dann in den meisten Fällen aber vergleichbar kurz, wie die Erkenntnis eines Menschen, der vom Hochhaus hüpft, dass die Aktion eventuell nicht so gesundheitsfördernd war und man das doch besser hätte lassen sollen. Ihr merkt an meiner Polemik vielleicht, dass ich diese Dikussionen schon oft bis zum Erbrechen mit beratungsresistenten Leuten geführt habe… Wie ihr wisst, sind unsere Flugsaurier oftmals Gewohnheitstiere, die im Zimmer meistens die gleichen Strecken fliegen und die selben Plätze aufsuchen. Eine anfängliche Sicherung des Glases durch Post-its mag daher durchaus solange funktionieren, bis ein Tier oder, schlimmer noch, der ganze Schwarm sich mal erschreckt und panisch losfliegt und von seiner gewohnten Flugbahnen abweicht. Gerade tagsüber wird die Flucht aus dem Fenster (von dunkel/beengt nach hell/unendliche Weite) instinktiv vorgezogen. Ich habe im Zusammenhang mit dem Vogeltraining mal gelesen, dass ein Wellensittich eine Aufmerksamkeitsspanne von fünf Minuten hat und sein Langzeitgedächtnis auch nur begrenzt ist – vor allem, was positiv-neutrale Reize angeht! Dass da irgendwann mal ein paar bunte Zettel am Fenster klebten, ist in einer Paniksituation sofort vergessen. Zusammengefasst lässt sich sagen: Wellensittiche können weder lernen, was eine Glasscheibe ist, noch erinnern sie sich, dass diese mal durch Zettelchen oder andere Hilftmittel gesichert war!

5. Wie sichere ich nun Glasscheiben?

Hier gibt es zwei Möglichkeiten, die beide Vor- und Nachteile haben, aber unterm Strich langfristig den größten Schutz bieten.

Wellensittiche_Blog_Fenster richtig sichern_Vogelzimmer
Gardinen verhindern den Vogelanflug und buffern im Notfall Kollisionen ab.

Variante a) Sicherung der Fensterfront durch Gardinen: Gardinen haben den Vorteil, dass sie in der Regel ein kleines Stück von der Scheibe entfernt aufgehängt werden und dadurch zusätzlich einen kleinen Buffer bilden, falls doch mal einer der Wellis testen möchte, ob sich das Zimmer nach außen erweitern lässt. Nachteil könnte sein, dass besonders freche und neugierige Wellensittiche anfangen die Gardine als Spiel- und Kletterplatz zu sehen. Je nach Stoff kann es passieren, dass die kleinen Rabauken mit ihren Krallen hängen bleiben und sich diese in der Panik abbrechen oder abreißen.

 

 

Fenster richtig sichern_die Kotbolde_instagram
Hier wurde die Handflächenregel eingehalten und der Raum wirkt trotz der engen Streifen hell und modern. Quelle: instagram @die_Kotbolde

Variante b) Sicherung der Fensterfront durch Klebefolien: Klebefolien haben den Vorteil, dass Wellis dort nicht hängen bleiben können und dass sie nicht ständig gewaschen werden müssen (Gardinen sind wahre Staubfänger). Auch wirken sie oft aufgeräumter und moderner. Nachteil ist, dass der eine oder andere Vogel bei Nichtbeachtung des richtigen Markierungsabstandes (s. Handregel als maximaler Abstand!) gegen die Glasscheibe fliegen und sich tödlich verletzen könnte. Wer sich für diese Variante entscheidet, der sollte vor dem Kauf der Folien einen Blick in das Dokument der Senatsverwaltung werfen, da ab Seite 18 handelsübliche Markierungsfolien (zum Beispiel aus dem Baumarkt) gezeigt werden, die im Flugkanal getestet worden sind. Per Ampelsystem (grün, gelb, rot) lässt sich leicht nachvollziehen, welche Muster gut erkannt worden sind und welche nicht. Bitte geht kein Risiko ein und entscheidet euch ausschließlich für die „grünen“ Modelle!

Zusammengefasst lässt sich sagen: Beide Varianten schließen demnach Kollisionsunfälle nicht zu 100 % aus, sind aber derzeit die sichersten Möglichkeiten, um seine Wellensittiche zu schützen!