Von einem zahmen Wellensittich, der sofort auf die Hand kommt oder sich vertrauensvoll durch das Zimmer tragen lässt und abends vorm Fernseher auf der Schulter sitzt und sich gemütlich an den Hals seines Menschen kuschelt, träumen die meisten Neu-Vogelhalter.
Umso enttäuschter sind die meisten Neu-Vogelhalter, wenn sie merken, dass ihre Wellensittiche sehr scheu und vorsichtig sind. Schnell wird dann die Schuld beim Vogel, beim Züchter oder beim Vorbesitzer gesucht und völlig vergessen, dass Wellensittiche – im Gegensatz zu Hund oder Katze – Fluchttiere sind, deren Überleben in der Natur von ihrer Vorsicht und ihrem Misstrauen abhängt. Obwohl Wellensittiche in Deutschland seit über 120 Jahren in menschlicher Obhut leben, lassen sie sich – wie fast alle (Zier-)Vögel – nur unzureichend domestizieren. Das bedeutet, dass ihr Fluchtverhalten noch immer grundlegend in ihnen verankert ist. Wer sich also Wellensittiche anschafft, sollte erstmal davon ausgehen, dass er ein Tier erwirbt, dass (vorerst) keinen Kontakt zum Menschen braucht oder wünscht.
„Aber war Omas Hansi nicht extrem anhänglich? Und konnte Tantes Peterle nicht sprechen?“, werden sich die einen oder anderen jetzt fragen. Leider wurden früher Wellensittiche aus Unwissenheit noch überwiegend einzeln gehalten. Seit ca. 20 Jahren ist man aber Dank der Verhaltensforschung und der Beobachtung von Haus- und Wildwellis schlauer und weiß, dass Wellensittiche als Schwarmtiere mindestens einen artgleichen Partner brauchen.
Einzelhaltung von Wellensittichen ist tierschutzwidrig
Selbst bei einzeln gehaltenen Vögeln gibt es keine Garantie, dass sich der Wellensittich vor Verzweiflung an das einzige, in seinem traurigen Leben vorhandene Lebewesen, nämlich den Menschen, bindet. Vom Anfang bis zum Tod in totaler Einsamkeit zu leben, hat kein Wellensittich verdient! Die Ausrede mancher Halter, ihr Vogel würde sich mit Artgenossen nicht vertragen und deshalb einzeln gehalten werden, ist meistens auf eine unglückliche und vor allem unpassende Vergesellschaftung zurückzuführen. Der Mensch hat hier, vermutlich aus Unwissenheit, nicht auf das passende Alter, Charakter des Tieres oder das Geschlecht geachtet. Solltet ihr also bei einer Vergesellschaftung Pech haben und sich die Wellis nicht verstehen, dann probiert einen weiteren Partnervogel aus. Viele Tierheime und Pflegestellen können euch bei der Partnersuche helfen und beraten. Außerdem nehmen sie unpassende Partnertiere wieder zurück.
Einzelhaltung aus den rein egoistischen Gründen der mutmaßlichen Zahmheit ist dringend zu unterlassen, da es gegen das geltende Tierschutzgesetz verstößt und in einigen europäischen Ländern sogar unter Strafe steht!
Wellensittich vorzähmen?
Besser ist ein neugieriger Wellensittich-Kumpel, mit dem man gemeinsam das neue Zuhause erkunden kann. Außerdem sticheln sich Wellis gegenseitig an, wenn der Halter Hirse oder andere Köstlichkeiten in der Hand hält.
Zähmen ist zwar ein geläufiges Wort in Bezug auf Wellensittiche, aber nicht ganz passend, schließlich dressiert man ja keine wilden Tiger, sondern muss sich das Vertrauen seiner Vögel über einen sehr langen Zeitraum erarbeiten. Einige Neu-Wellihalter möchten diesen Prozess des Vertrauensaufbaus beschleunigen und fallen auf ebay Kleinanzeigen oder Züchterversprechen herein, die „handzahme Wellensittiche“ anpreisen. Schaut beim Kauf genau hin: Warum sollen diese Tiere handzahm sein? Sind sie vielleicht einfach noch zu jung, um von den Eltern getrennt zu werden? Wurden sie ohne Notwenigkeit von Hand aufgezogen? Können die Küken aufgrund von Krankheiten (PBFD) vielleicht gar nicht fliegen und sind deshalb „zahm“? Alle Tatsachen könnten dazu führen, dass ihr kranke, nicht überlebensfähige oder völlig fehlgeprägte Wellensittiche für viel zu viel Geld kauft. Die Kükensterblichkeit ist in beiden Fällen sehr hoch. Daher unterstützt solche Verkäufer nicht! Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass selbst ältere Wellis noch zahm werden können. Egal, was sie vorher erlebt haben und vorher sie kommen!
Denkt bitte daran, dass zahme Wellensittiche nicht zu jedem zutraulich sind. Selbst wenn der Züchter oder der Vorbesitzer mit viel Liebe und Geduld das Vertrauen gewonnen hat, lässt es sich nicht auf beliebige Personen übertragen. Jeder muss selber Vertrauen zu seinen Vögeln aufbauen und erarbeiten. Er gibt keinen Trick und auch keine Abkürzung, der diesen Vertrauensprozess verkürzt oder überspring.
Wellensittiche nicht brüten lassen!
Kommt auch bitte nicht auf die Idee zu denken, dass Küken aus der eigenen Vermehrung zahmer sind und es auch bleiben. Ihr holt euch damit nur noch mehr Probleme ins Haus! Wellensittichküken orientieren sich an ihren Eltern – und wenn diese Angst vor euch haben, habt ihr am Ende einen ganzen Schwarm ängstlicher Vögel in eurem Wohnzimmer.
Mit Ruhe und Geduld, Fairness und Liebe, Vertrauen und Gelassenheit kommt ihr ans Ziel. Vielleicht nicht sofort, dafür aber nachhaltig! Wer so Vertrauen aufbaut, braucht keine Rückschläge erwarten, wenn die Tiere krankheitsbedingt gefangen und behandelt werden müssen oder wenn man mal länger im Urlaub ist. Das Wichtigste, das ich Vogelhaltern mit auf den Weg geben möchte, ist: Passt eure Erwartungen an die Realität an und freut euch über jeden kleinen Schritt, den eure Plüschkugeln machen!
So, meine lieben Wellensittich-Freunde, das war’s für’s Erste mit der 10-teiligen Serie „Basiswissen Wellensittiche“. Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr konntet das eine oder andere für euch und eure Wellensittiche mitnehmen! Ich würde mich sehr über eine Rückmeldung von euch freuen (per Mail oder per Kommentar unter diesem Artikel). Was hat euch besonders interessiert? Welches Thema sollte in einem der nächsten Beiträge noch weiter vertieft werden?
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