Körnerschubse

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„Was für eine Nacht“, denke ich verpennt, als mich der Wecker um 5:30 Uhr aus dem Bett klingelt! Um Mitternacht in die Federn gekommen, ließ mich gegen drei Uhr die erste Panikattacke in der Voliere senkrecht im Bett stehen… nach dem vierten „Night fright“ in Folge schaltete ich das Licht erst gar nicht mehr aus, sondern ließ es die restlichen Stunden bis zum Morgen an. Ich war erledigt und fragte mich, ob ich den Tag überstehen würde!

„Tschööööp, tschööööp!“, werde ich fröhlich angebrüllt, während ich im Schummerlicht Richtung Badezimmer schlurfe. „Tschööö-höööp!“, setzt es etwas lauter und eindringlicher nach, als ich Anstalten mache, die Tür hinter mir zuzuziehen. Leicht genervt drehe ich mich um und schleppe mich ergeben zur Futterbar hin, um die Näpfe zu füllen. „Sch***** W*****, ihr kleinen Ter****, wenn ihr noch einmal ****, dann ******! [Anm. der Red.: Dieser Teil des Monologs ist aus tierschutzrechtlichen Gründen zensiert worden!] Ihr frühen Vögel könnt **** mal!“, brabbel ich vor mich hin, als ich die Näpfe brav im Käfig verteile. Meine Wellensittiche schauen mich sichtlich zufrieden an, hatte ich schlussendlich doch die gewohnte Reihenfolge eingehalten: erst füttern, dann duschen! Für mein Frühstück bleibt meist keine Zeit mehr, unnötig also, es mit aufzuzählen. „Frühstück wird eh überbewertet!“, rede ich mir seit Jahren ein.

Als ich unter Zeitdruck und noch mit nassen Haaren wieder ins Zimmer hechte, um nach Portemonnaie und Schlüsseln zu angeln, sitzen die kleinen Rabauken ganz friedlich auf ihren Schlafschaukeln, Köpfchen unter den Flügeln und holen den Schlaf der Gerechten nach.

War es Hassliebe oder blanker Neid, den ich in diesem Moment verspürte, als ich die Tür ins Schloss fallen ließ und mich in die verregnete, windig-kalte Dunkelheit Richtung Arbeitsstelle begab? Ich weiß ich es nicht! „Tee?“, fragte mich meine Kollegin mitleidig, als ich eine dreiviertel Stunde später das Büro betrete; ich muss wirklich jämmerlich ausgesehen haben und so fühlte ich mich den Rest des Tages auch…

„Das ist wohl der Preis, den wir Menschen bezahlen, wenn wir uns Haustiere anschaffen“, sinniere ich später am Tag auf dem Rückweg in der Bahn. „Wenn man es so betrachtet“, denke ich so vor mich hin, „irgendwie auch wieder gerecht, schließlich drücken wir unseren Tieren im Alltag permanent UNSEREN Willen auf.“ Will ich also mal nicht so nachtragen sein, lobe mich innerlich für diese generöse Haltung meinen Wellensittichen gegenüber und wende ich mich selbstherrlich meinem Skript zu. Skript? Ja, ich studiere neben dem Beruf noch BWL und habe dieses Semester passenderweise einen Wahlpflichtkurs in Personalführung. Praktisch, praktisch! Von den eigenen Gedanken an Macht, Herrschaft und Schwarm-, ähh Personalführung eingelullt, schlage ich nichtsahnend das Heft auf.

Auf Seite 1 werde ich von altägyptischen Zeichen begrüßt. Darüber steht: „[…] Führung [ist] ein universelles Phänomen, das alle Kulturen betroffen und (vermutlich zu allen Zeiten) beschäftig hat. Dokumentiert ist dies bereits bei den Ägyptern vor 5000 Jahren, deren Hierogylphen Entsprechungen für den Führungsbegriff besaßen (vgl. Abbildung1).“

Personalführung I, FernUni Hagen

Geschockt starre ich auf die Hieroglyphen. Langsam fällt der Groschen:

fuehrung
fuehrer
gefuehrter
5000 Jahre? FÜNFTAUSEND Jahre Welliherrschaft??? Habe ich als Vogelhalter jemals überhaupt auch nur die kleinste Idee einer Chance auf ein selbstbestimmtes, freies Leben? Hing mein Glück nicht schon immer von den Launen meiner Tiere ab und meine finanzielle Situation von ihrer Gesundheit? Ist es nicht so, dass ich immer hippelig werde, wenn ich nicht mindestens eine Viertelstunde vor der Fütterungszeit zu Hause bin? Ich erinnerte mich plötzlich an einen Spruch, den ich irgendwo mal gelesen hatte: „Hunde haben Herrchen, Katzen haben Diener… und Vögel haben Sklaven!“ Ich begann langsam zu verstehen!

Noch ganz aufgewühlt von der überraschenden Erkenntnis, laufe ich wie selbstverständlich noch in den Supermarkt vor’m Haus, um Minigurken und Snackmöhrchen für meine Wellensittiche zu kaufen. Eine elendig lange Schlange lässt mich ganz hibbelig werden. Mensch, Leute, macht hinne, ich habe kleine Wellensittche zu Hause!

Es ist schon fünf Minuten über der üblichen Fütterungszeit, als ich meine Haustür erreiche. Bereits unten am Fahrstuhl des Hochhauses vernehme ich die glockenhellen Pfiffe meiner Tiere. Als ich zwei Minuten später meine Wohnung betrete, herrscht plötzlich eine eisige Stille im Raum. Acht Augenpaare fixieren mich und scheinen süffisant zu fragen: „Na, Körnerschubse, wo waren wir denn heute so lange?“

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4 Gedanken zu “Körnerschubse

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