Wellensittiche züchten


Schwarze Kulleraugen, große, tapsige Füße und ein plüschiges Gefieder – Wellensittichküken sind einfach goldig und es gibt kaum einen Wellensittichhalter, der bei diesem Anblick nicht dahinschmilzt. Bei vielen Haltern besteht daher der Wunsch selbst einmal kleine Küken zu haben. Aber ist züchten in den eigenen Wänden zu empfehlen?

Erfahrungen in der Handaufzucht? Nein? Dann Finger weg vom Züchten!

Ein Blick in die Suchmaschine genügt, um zu wissen, dass das Thema sehr populär ist. Über 120.000 Einträge (Stand Januar 2018; zum Vergleich „Wellensittiche artgerecht halten“ kommt nur auf 35.000 Einträge! Schämt euch!!!) geben Tipps zur Aufzucht gesunder Küken, zum „selber züchten“ und loben die Zucht als ein „großartiges Hobby“. Dass das keine gute Idee ist und was alles passieren kann, wird leider selten ausführlich beleuchtet. Aber es sollte jedem zu denken geben, dass erfahrene und langjähige Halter das Vermehren in der Regel strikt ablehnen!

Wellensittiche, als opportunistische Höhlenbrüter, vermehren sich unter günstigen Bedingungen sehr leicht. „Günstige Bedingungen“ sind leider nicht gleichbedeutend mit Sauberkeit, guter Haltung, hochwertigem Futter und erfahrenen Haltern, sondern mit dem Angebot an Nistmöglichkeiten. Unglücklicherweise kann man in jedem Zoofachgeschäft oder im Internet ohne jegliche Beratung Nistkästen erwerben.

Keine Ahnung haben, nicht zum vogelkundigen Tierarzt gehen und trotzdem Wellensittiche vermehren wollen? ~Cedrik

Doch warum sind so viele erfahrene Halter gegen das Züchten? Und warum sind es gerade Neulinge und uninformierte Vogelbesitzer, die züchten möchten? Wer schon lange Wellensittiche hält, der weiß um die vielen gesundheitlichen Gefahren für das Muttertier und die Küken: Legenot, Kloakenvorfall, Windeier, Mineralmangel, behinderte oder tote Küken, Spreizbeinchen, agressive Hennen, die ihre Küken regelrecht schreddern oder Gelege anderer Hennen zerstören… die Liste ist lang (eine gute und informative Übersicht findet ihr bei birds-online.de). Von Handaufzucht hat der Otto-Normal-Verbraucher in der Regel keine Ahnung – ist aber auch egal, da geeignetes Handaufzuchtsfutter eh nicht im Haus ist. Eingangsuntersuchungen bei einem vogelkundigen Tierarzt für die Elterntiere? Fehlanzeige! „Wieso? Die sehen doch gesund aus!“, höre ich immer wieder (toll, dass man das so sehen kann, dann können sich die Tierärzte ja das jahrelange Veterinärstudium sparen!). Leider habe ich es zudem schon oft erlebt, dass unerfahrene Halter „einfach mal“ ein Nistkasten zu ihren zwei Wellis gestellt haben, die sie zur gleichen Zeit von der gleichen Verkaufsstelle geholt haben (Stichwort: „Inzucht bei Geschwistern“). Auch das Argument „ich will ja nur ein einziges Mal Wellensittichbabys haben“ oder die billige Rechtfertigung „Züchter haben ja auch mal angefangen“ von jemandem mit ein paar Monaten Wellensitticherfahrung löst bei mir Würgreiz aus. Ich sage es daher an der Stelle sehr deutlich:

Wir brauchen keine Wellensittiche aus eigener Vermehrung mehr! Und erst recht keine behinderten oder inzestösen Tiere, die den eh schon gesolaten, kränkelden Bestand in Deutschland weiter verschlechtern!

Total süß, der Kleine, oder? Sein Bruder auch. Der ist aber schon tot!

Wellensittiche legen häufig zwei Bruten hintereinander und pro Brut ca. 4-6 Eier; diese werden nicht mit einem Mal „ausgeworfen“, sondern immer mit einem Abstand von 1-2 Tagen. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass auch die Küken einen kleinen Altersabstand haben, der oft dazu führt, dass viele unerfahrene Halter den Zeitpunkt verpassen, zwischen dem jüngsten Küken des ersten Geleges und dem zweiten Gelege den Nistkasten zu entfernen. Mit anderen Worten: Innerhalb von 12 Wochen werden aus zwei Wellensittichen plötzlich 10-14 Tiere! Selbst wenn alles gut geht und die Tiere keine Behinderungen oder sichtbaren Krankheitsanzeichen haben, sollte man sich fragen, ob man nach einem halben Jahr (wenn die Jungmauser vorbei ist) mit so einem großen Schwarm adulter Wellensittiche im Wohnzimmer fertig wird. Der Schmutz, die Lautstärke und die Kosten sind enorm. Der Glaube, selbstgezogene Wellensittiche sind zahmer, ist übrigens falsch: Spätestens nach der Jungmauser interessieren sich die wenigsten Vögel noch für ihre Besitzer, sondern spielen und toben lieber mit ihresgleichen! Das führt mich direkt zu einem oft vernachlässigten Thema, dass mit der Vermehrung im Zusammenhang steht: Was passiert mit den Küken? Ich war in den letzten 12 Monaten unmittelbar in drei Fälle unüberlegter Vermehrung involviert… oder besser gesagt in die Vermittlung ganzer Familienschwärme völlig überforderter Halter! Jeder, der glaubt, mit Wellensittichen ließe sich Geld machen, der irrt. Ich mache seit über einem Jahr kostenlose Vermittlungen gesunder, zum Großteil bereits tiermedizinisch durchgecheckter Tiere und habe große Schwierigkeiten gute Plätze zu finden (und das in einer 3,5 Mio. Stadt mit einem großen Netzwerk an erfahrenen Wellensittich-Freunden!).

Hier die aktuellen Vermittlungsfälle (Stand Januar 2018):

Daher meine Bitte:
1. Lasst eure Wellensittiche nicht brüten! Auch nicht „nur ein einziges Mal“!
2. Sucht euch bei versehentlichen Gelegen noch vor dem Schlüpfen SOFORT Hilfe bei einem vogelkundigen Tierarzt in der Nähe und lasst euch aufklären und beraten sowie bei der Aufzucht fachkundig begleiten!
3. Küken niemals von Vermehrern kaufen – ihr unterstützt nur deren Geschäfte!
4. Küken gibt es massenhaft auch als Abgabe- und Vermittlungswellis im Tierheim, in Wellensittich-Foren und bei privaten Pflegestellen (fragt euren Tierarzt nach seriösen Pflegestellen)! Berliner und Brandenburger können sich gerne auf der Vermittlungsseite von Jessica und mir umschauen.

6 Gedanken zu “Wellensittiche züchten

  1. Lieber Walter Di Fabrizio. Ich möchte da einfach mal lieb gemeint widersprechen. Ich weiß, dass es in ländlicheren Gegenden mitunter schwieriger ist, an Abgabevögel zu kommen. Aber ich finde, dass das kein Grund sein sollte, nur in den Handel zu gehen. Wir leben im Zeitalter des Internets und es gibt wirklich gute Möglichkeiten, sich dort auf einschlägigen Seiten über private Abgaben zu informieren. Und wenn man da jemand verantwortungsbewussten und offenen Abgebenden findet, dann kann man Fahrtketten organisieren (es gibt mitunter gute Vernetzungen unter Haltern!), oder gar mit dem Tierversand arbeiten. Möglichkeiten gibt es also. Man muss sie nur nutzen und es auch wollen. Lieben Gruß! 🙂 Und an dich Wencke meinen größten Dank für die schöne aufklärende Seite! Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht. Es gibt soviel Leid dank dieser unkontrollierten „Zuchten“, dass man nicht selten einfach nur heulen möchte und die Menschen wollen es so oft einfach nicht verstehen, was mich auch wieder traurig macht. Denn das ist schlichtweg falschverstandene Tierliebe mit einem Hauch Egoismus gespickt. Wirklich schade, dass dabei soviele Tiere zu Schaden kommen.

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  2. Der Beitrag spricht mir aus der Seele! Um Hunde sorgen sich die meisten “Tierfreunde” aber so ein kleines Tier wie ein Wellensittich? Ich nehme nur ungewollte und “Mängelexemplare” auf. Die kleinen Süßen will jeder. Aber nach wenigen Wochen sind sie dann plötzlich zu laut, zu bröselig, zu Sommerurlaub…es macht mich unglaublich wütend und ich könnte kotzen. Meine Tiere werden geliebt und so gut behandelt wie möglich. Ein kleiner Anteil von 8 Tieren aber zusammen mit anderen echten Tierfreunden ein Anfang.

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    • Danke für dein klares Statement! Du hast absolut recht: zusammen mit anderen Tierfreunden kann man was bewegen. Ich hoffe so sehr, dass sich die Vorurteile gegenüber Abgabewellis legen und immer mehr Leute Vermittlungswellis aufnehmen. Je mehr Menschen mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, was für unglaublich schöne und tolle „Second hand Tiere“ sie haben, desto schneller wird dieser Prozess in Gang gesetzt.

      Dir und deinen 8 Flauschies eine schöne Restwoche! Bis hoffentlich bald mal wieder,
      Wencke

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  3. Spätestens seit der Abschaffung der Zuchtgenehmigung erhalten wir leider immer wieder Anfragen von Kunden, die sich bei uns darüber informieren möchten, was sie denn brauchen würden, denn sie hätten eigene Junge gezüchtet und jetzt wüssten sie nicht weiter, weil es eben zu Problemen käme. Zu 95% stellt sich dann leider heraus, dass die Leute absolut unerfahren waren und teilweise sogar selbst erst seit wenigen Wochen oder Monaten Besitzer von 2!!! Wellensittichen in einem kleinen Käfig sind. Dies ist leider wirklich keine Seltenheit. Wir sind immer wieder erschüttert darüber, wie leichtfertig die Menschheit mit ihren Tieren umgeht. Hoffentlich rüttelt dieser Beitrag diese Leute ein wenig wach, denn er trifft doch eigentlich den Nagel auf den Kopf.

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    • Danke für euren Beitrag! Es ist so wichtig, dass sich möglichst viele erfahrene Halter, Fachleute und Experten zu diesem Thema äußern und vor Vermehrungen warnen… als einzelner Blogger wird man doch oft als „hysterisch“ oder „völlig übertrieben“ dargestellt. Ich kann mich euch nur anschließen, mit dem, was ihr geschrieben habt: „Wir sind immer wieder erschüttert darüber, wie leichtfertig die Menschheit mit ihren Tieren umgeht.“

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