Angstneurose

Da war es schon wieder, dieses Wort: Angstneurose. Hatte ich es nicht erst vor zwei Wochen nach meiner OP gehört? „… Angstneurose, da muss man ‚was machen“, quatschte die Stimme der Tierarzthelferin in meinen Gedankengang, während wir das Behandlungszimmer betraten.

In ein paar Wochen bekommen wir wieder Urlaubsgäste, daher war klar, dass wir vor der Zusammenführung zum Kontrollcheck müssen. Violetta bestimmte den Tierarzttermin, der wie ein Damoklesschwert über der Voliere hing, selbst, indem sie sich im Vorhang eine Kralle bis zum Blutgefäß abbrach. Es hörte zwar glücklicherweise schnell auf zu bluten, aber da ich kein Desinfektionszeug zur Hand hatte, beschlossen wir kurzerhand am folgenden Morgen die Vogelpraxis aufzusuchen. Bei diesem Gadanken bekam ich gleich ein flaues Gefühl im Magen, hatte doch die letzte Einfangaktion damit geendet, dass mir Filuzzo im Kescher in Ohnmacht gefallen ist, Chiocciolina und Violetta hyperventilierten und Briciolino sich dem Tierarztbesuch durch ausbüxen entzog. Diesmal wollte ich es besser machen und stellte bereits am Vorabend den Transportkäfig mit Hirse bestückt neben die Voliere. Man kann nun über das männliche Geschlecht sagen, was man will – mutig, verfressen oder böse Zungen behaupten zuweilen auch etwas dümmlich – auf jeden Fall ersparten mir Filuzzo und Briciolino ein stressiges Einfangen, indem sie zu meiner Überraschung freiwillig in den Käfig kletterten. Erst als die Hirse restlos aufgefressen war, erkannten sie den fatalen Irrtum… die Mädels hingegen durchschauten den Trick sofort und saßen, außnahmsweise in friedlicher Eintracht, nebeneinander auf der Gardinenstange. Erst vier Stunden später gegen 22 Uhr trieb der Hunger sie in die Voliere zurück, wo ich zumindest Chiocciolina im Dunkeln von der Stange pflücken konnte. Violetta hatte ich kurzzeitig auch in den Transportkäfig gesetzt, aber da sie ihren Frust an Briciolino ausließ, hielt ich es für alle das beste, wenn sie die Nacht in der Voliere verbringt. Das schöne an dicken Wellis ist, dass man sie tageszeitenunabhängig relativ leicht fangen kann. Hinzukommt, dass Violetta die Wochen vorher von mir regelmäßig aus dem Vorhang operiert worden ist und sich einfach nach hinten fallen lässt, wenn ich meine Hand sanft um ihre Flügel lege.

An dieser Stelle möchte ich gerne noch einmal auf das richtige Greifen von Wellensittichen (und anderen kleineren Vögeln) eingehen, da man im Netz zuweilen gruselige Bilder sieht. Beim Greifen muss man seine Hand um die Flügel legen, sprich den Vogel von hinten und nicht von vorne greifen, da man sonst den empfindlichen Luftsack abquetschen könnte. Eine leichte Rückenlage mit dem Kopf nach oben ist für den Vogel in dieser Situation am angenehmsten und für den Halter am besten, da er so das Tier gut kontrollieren und ggf. abtasten kann. An meinem Violettaersatz seht ihr, was ich meine:

Trotz des relativ stressfreien Einfangens standen wir nun mit klopfenden Herzen vor der Tierärztin – Chiocciolina und ich waren der Ohnmacht nah. Da soll nochmal einer Sagen, nur Hunde gleichen ihren Besitzern (oder umgekehrt)! Um Chiocciolina weiteren Stress zu ersparen, wurde sie nach dem Check und dem Wiegen in der Pappschachtel gelassen, während einer nach dem anderen gefangen und untersucht wurde. Durch den kleinen Schlitz in der Schachtel heraus blickte sie mich mit böse funkelnden Augen an – ganz so, wie ich zwei Wochen vorher die Schwester, die mir die Drainagen ziehen sollte – und ohne Worte verstand ich meine kleine Chefin: „Das ist eine S-C-H-E-I-ß-I-D-E-E von dir gewesen!“

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