Kämpferherz


Das Leben ist unfair. Da denkt man, dass man dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen hat und dann erwischt es einen eiskalt. Dabei sah es so gut für uns aus!

Gestern war wieder einer der Tage, von denen ich in den letzten zwei Jahren bereits genug hatte. Nach Piumina, Antonella, Pulcina und Violetta ist nun auch mein Seelenvogel Chiocciolina von uns gegangen. Einfach so. Völlig unerwartet. Ich stehe noch unter Schock!

Die kleine Schwarmchefin hatte es nie leicht gehabt: Sie stammt aus einer verantwortungslosen Zucht und kam bereits mit mehreren organischen Vorerkrankungen am 23. Januar 2014 im zarten Alter von sechs Wochen zu mir. Obwohl die Prognosen von Anfang an sehr schlecht standen, eine Dauermedikation verordnet worden ist und halbjährliche Röntgenbilder zur Routine gehören, hielt mein kleines Kämpferherz tapfer durch und genoss das Leben in einem immer größer werdenden Schwarm.

Chiocciolina fand im August 2014 mit Filuzzo einen ruhigen und treuen Partner, der ihr auch in schweren Stunden beistand, sie fütterte und ihr Köpfchen kraulte. Er war es auch, der sie die zwei Wochen in der Vogelpraxis nicht alleine ließ, nachdem Chiocciolina am 7. März 2017 morgens mit einem sehr starken Krampfanfall am Käfigboden lag. Es war Glück im Unglück, dass ich sie gesehen habe, da in aller Früh beim Füttern und Säubern der Voliere noch alles in Ordnung zu sein schien. Kurz vorm Verlassen der Wohnung hatte ich nochmal ins Vogelzimmer geschaut. Erst dachte ich, sie hätte sich mit ihren Krallen im Seil verheddert, da sie so merkwürdig zuckte. Als ich am Käfig angekommen war, stürzte das kleine Welli-Mädchen zu Boden und krampfte dort. Ich schrie und weinte, da ich dachte, sie würde sterben. Mein Freund kam angelaufen und setzte Chiocciolina in die Transportbox, wo sie sich weniger verletzen konnte. Es war kurz vor 7 Uhr und die erste Vogelpraxis öffnete um 9 Uhr. Wie durch ein Wunder schaffte es mein kleines Kämpferherz trotz der zweistündigen Kämpfe durchzuhalten.

In der Praxis angekommen, wurde sie intensiv betreut, bekam Infusionen und Medikamente. Wir wussten schon aus vorherigen Untersuchungen, dass viele Organe Probleme hatten. Nach Tagen des Hoffens und Bangens wurde Chiocciolina zwei Wochen später mit einem Haufen Medikamenten entlassen. Obwohl sie zweimal täglich zur Medikamenteneingabe eingefangen werden musste und insgesamt sechs Medikamente verabreicht bekommen hatte, machte sie im Freiflug das Vogelzimmer unsicher, badete, schredderte Weidenkugeln und spielte in den Wühlkisten. Ganz vier Wochen und zwei Tage durften wir nach der Entlassung aus der Vogelpraxis noch zusammen verbringen, bis sie am 13. April 2017 mittags überraschend tot von meinem Freund aufgefunden worden ist. Kurz zuvor war er noch im Zimmer und es schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Mein Freund zeigte mir später am Abend die Stelle, wo Chiocciolina lag, und erzählte mir, dass ihr Köpfchen leicht zur Seite zeigte – gerade so weit, um Filuzzo zu sehen, der auf seiner Lieblingsschaukel saß. Es gab vorher keine Anzeichen und auch im Einstreu sind keine Spuren eines Todeskampfes zu sehen. Wir hoffen sehr, dass die Kleine nicht lange leiden musste.

Die Nachricht meines Freundes traf mich in der Mittagspause auf Arbeit wie ein Schlag: Chiocciolina, mein kleiner Babybaustellenwelli, war immer mein Liebling gewesen. Sie war außerordentlich intelligent, bekam alles, was sie wollte, war frech und wenn sie Blödsinn gemacht hat, wusste sie genau, wie sie zu gucken hat, damit ich nicht schimpfe. Und sie war der hübscheste Wellensittich, den ich jemals hatte: In der Sonne glitzerten ihre Federn violett und ihre Augen waren immer offen und neugierig. Am meisten liebte ich es, wenn sie entspannt da saß und vor sich hin zwitscherte. Ihr glockenhelles Stimmchen war leicht von den anderen zu unterscheiden und beim Piepsen, hüpfte der ganze Köper mit. Der Anblick war einfach zu süß ❤

Drei Jahr und drei Monate durften wir nur zusammen verbringen. Die meiste Zeit davon dicht an dicht in meiner Ein-Zimmer-Wohnung, was auch die enge Bindung erklärt. Nach dem Umzug in die größere Wohnung hatte ich so sehr gehofft, dass Chiocciolina noch den Außenbereich auf der Terrasse erleben kann, der für diesen Sommer geplant ist. Der Wunsch ist uns beiden nicht erfüllt worden.

Irgendwie schaffte ich es am Gründonnerstag halbwegs gefasst den Arbeitstag zu überstehen. Auf dem Weg nach Hause ging ich in ein Gartencenter, um Blumen für das Grab zu besorgen. Als ich das Center betrat und den Refrain des Songs High von der Lighthouse Family hörte, war es entgültig um mich geschehen und meine Tränen liefen mir in Strömen über das Gesicht.

And at the end of the day
you will remember the way
we stayed so close till the end
we’ll remember it was me and you
cause we are gonne be forever you and me
you will always keep me flying high in the sky of love.

Lighthouse Family – High (1997)

Im Gartencenter kennt man mich schon: Nachdem ich vor zwei Jahren das halbe Center in den Wahnsinn getrieben habe mit der Bestellung einer ungespritzten Bio-Korkenzieherhasel und sich letztes Jahr der Mitarbeiter nach der einstündigen Beratung über Möhrensamen mit „viel Grün und wenig Möhre“ beinahe mit dem nächstbesten Tonuntersetzter erschlagen hätte, wunderte man sich dort nur noch wenig darüber, dass ich gestern schluchsend und heulend vor den bunten Übertöpfen stand.

Mit einem „Tränenden Herz“ für Chiocciolinas Grab und je einer Blume für Pulcina und Violetti ging ich wenig später nach Hause. Obwohl schlechtes Wetter angesagt war, brach die Wolkendecke plötzlich auf und das goldene Abendlicht begleitete mich zusammen mit dem Glockengeläut der nahgelegenen Kirche bis zur Haustür. Drinnen war es ungewöhlich still: Das fröhliche Gezwitscher, dass mich sonst bereits an der Wohnungstür empfängt, war erstummt. Alle saßen bereits auf ihren Schlafschaukeln. Nur eine Schaukel war noch frei und wird es für immer auch bleiben…

Lebe wohl, meine kleine Prinzessin

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Ein Gedanke zu “Kämpferherz

  1. Oh nein! Das tut mir Leid. Wir haben auch vor ein paar Wochen einen Welli (nicht unerwartet) verloren, nur etwa ein halbes Jahr alt. Ähnliche Herkunftssituation… Fast zeitgleich kam ein neuer, ein Beißer, den die Vorbesitzer unbedingt loswerden wollten. Schnabelräude bis zum Abwinken, kein Wunder, dass das arme Tier beißt… daran arbeiten wir jetzt…
    Deine Chiocciolina hatte drei Jahre und drei Monate Glück. Viel zu kurz aber… ich bin sicher, sie wusste es zu schätzen.

    Gefällt 1 Person

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