Schakeline-Schantaaal, komm’ma‘ bei die Mama!


Als ich letztens die Vogelpraxis betrat, waren Ursula und Renate schon mitten in einer hitzigen Diskussion vertieft. Während Jürgen seiner Frau argumentativ den Rücken stärkte, hielt Thorsten lieber den Schabel und harrte der Dinge, die gleich im Behandlungsraum auf ihn zukommen würden…

Ursula? Renate?? Jürgen??? Thorsten???? Es ist immer wieder faszinierend, wie die Wellensittiche anderer Leute heißen. Noch spannender ist, was die Namenswahl über die Halter und ihre Beziehung zu ihren Wellensittichen aussagt. Denn Tiernamen verraten viel über die Interessen, Hobbys, Lieblingsfilme oder über den Humor sowie das soziale Umfeld und das Alter des Halters. Mit anderen Worten, auch bei Wellensittichnamen gilt das Kevinometer – also wie viel „Alpha-Kevin“ in uns Haltern steckt 😀

Unser Neuzugang Daphna

Bevor jetzt jeder panisch anfängt seine Namenswahlen zu überdenken, machen wir einen kurzen Ausflug in die Zoonomastik. WAAASSS? ZOONOMASTIK? Keine Angst, auch dieser Blogbeitrag ist jugendfrei! Zoonomastik bedeutet nämlich nichts anderes als „Tiernamenforschung“. Jap, das gibt es wirklich! Als studierte Sprachwissenschaftlerin habe ich daher mal versucht mich für euch in die Materie einzulesen. Um es kurz zu machen, die Literatur ist recht überschaubar und ein Wikipedia-Artikel fasst die Erkenntnisse ziemlich gut zusammen: „Unter Tiernamen (Zoonymen) versteht man in der Onomastik Eigennamen, die (individuellen) Tieren gegeben werden.“ (1)

Auch Neuzugang Daedalo hat natürlich einen individuellen Namen bekommen.

Da die meisten Haustiere einen familienmitgliedähnlichen Status haben, erhalten sie fast immer einen Namen, während Zootiere nur vereinzelt aus marketingtechnischen Gründen (z. B. Eisbär Knut) individuell benannt werden. Nutztiere erhalten in der Regel gar keinen Namen. Das liegt nicht nur an der Menge der Tiere, sondern auch daran, dass (viele) Menschen emotionale Bindungen und Gefühle über Namen aufbauen. Und wer will schon Jenni oder Larissa auf dem Brot haben?

Emotionale Bindung und Gefühle über Namen? Das kennt jeder von uns! Wie stark wir Erinnerungen, Gefühle und Erlebtes an Personen und deren Namen knüpfen, fiel mir das erste Mal so richtig auf, als wir vor circa einem Jahr in der Namensfindung für unseren Sohn waren. Ich fand „Frederik“ super, während mein Freund dies vehement mit den Worten „unser Sohn ist doch kein Schweinchen!“ ablehnte. Auch „Matthias“ gefiel nicht, da ein ehemaliger Klassenkamerad mit selbigem Namen – Zitat – „strunzdumm“ gewesen sei… Kommt euch dieses Namenphänomen bekannt vor?

Wo wir gerade bei ehemaligen Klassenkameraden sind, ich finde, es ist Zeit für die Abrechnung, Mandy! Im Alter von 7 Jahren war ich ein wirklich süßes, schüchternes kleines Mädchen, das mit blonden Zöpfchen, Kleidchen und der lila Früchte-Scout-Mappe Tag ein, Tag aus zur Schule hüpfte. Ich war eine gute Schülerin und hatte zudem viele Freunde in der Klasse. Bis auf Mandy! Mandy lauerte mir auf dem Nachhauseweg regelmäßig auf, um mich zu mobben, mich mit Sand, Kieselsteinchen oder Stöcken zu bewerfen. Einmal, es war am Geburtstag meiner Mutter und ich dementsprechend niedlich zurecht gemacht, wartete sie mit einem hämischen Grinsen am Wegesrand auf mich. Bereits aus der Ferne sah ich Mandy und einmal mehr wünsche ich mir mich in einen Wellensittich verwandeln zu können, um dann einfach über sie hinweg zu fliegen. Dieser Pfad war ein verdammtes Nadelöhr und ein Umweg hätte mich als Kind 45 Minuten gekostet. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen, atmete tief durch, verschnellerte meinen Schritt und machte die Augen zu… und das war, wie sich im Nachhinein herausstellte, auch gut so! Ich hörte nur noch neben mir, wie Mandy ihren Schnodder hochzog, um mir Sekunden später ihr gelbgrünliches Nasensekret ins Gesicht und auf die Haare zu spucken. Ein Ekelschauer erschütterte meinen kindlichen Körper und ich rannte davon, um nicht weiter ihr schallendes Gelächter ertragen zu müssen. Und vielleicht auch um Mandy nicht noch die Genugtuung zu geben, dass mir kleine, feuchte Kullertränen über das Gesicht liefen. Zuhause beim Haarewaschen versuchte meine Mutter mir meine Wut aus den Segeln zu nehmen, indem sie um mein Verständnis warb und mir erklärte, dass Kinder, deren Eltern sich gerade scheiden lassen, solche Dinge nun manchmal tun. Der kausale Zusammenhang erschließt sich mir zwar auch knapp zweieinhalb Jahrzehnte später nicht, führt aber dazu, dass ich mich noch heute reflexartig ducke, wenn ein Gegenüber seine geschiedenen Eltern erwähnt. Auch der Name Mandy ist für mich für alle Ewigkeit vorbelastet. Liebe Mandy, ich wünsche dir bis an dein Lebensende eine Intelligenzbestie als Mann, der abends neben dir auf der Couch mit einem rauen Grunzgeräusch seine Rotze aus der Nase bis in Gehirn hochzieht, dir den zähen, eitrigen Schleim auf seiner rausgestreckten, weißlich belegten Zunge präsentiert, um das Sekret dann genüsslich runterzuschlucken und dich mit saublödem „hähähä“ hämisch anzugrinsen! Und dein einziger Wunsch wird die Scheidung sein… Jap, die Vorstellung gefällt mir! Hähähä!

So, nachdem ich mich nun meiner frühkindlichen posttraumatischen Belastungsstörung entledigt habe, kommen wir zur Zoonomastik zurück. 😉 Namen können ja schließlich nicht nur negativ, sondern auch positiv belegt sein: Mäxchen, ein für Wellensittiche nicht unüblicher Name und häufig in Foren zu lesen, lässt mich jedesmal in Erinnerungen an den Welli meiner Kindheit schwelgen.

Seit Mäxchen sind die Namen meiner Wellensittiche für deutsche Ohren etwas ungewöhnlicher geworden und verschweigen nicht meine Liebe zu Italien (Briciolino, Antonia, Numidio, Piumetta, Chiocciolina, Filuzzo, Valentina, Violetta, Smeralda, Pulcina, Piumina, Antonella) und zu den „Metamorphosen“ von Ovid (Icaro, Daedalo, Daphna, Venilia). Dass viele Halter ebenfalls bestimmte Namenssysteme haben, erlebe ich immer wieder. Gerade vor ein paar Tagen ist eine Vermittlungshenne bei mir ausgezogen, die künftig „Ninfadora Tonks“ heißt und Partnerin von „Remus Lupin“ werden soll. Auch haben wir schon „Hades“ und „Persephone“ an Freunde der griechischen Mythologie vermitteln können. Bei einer Freundin ist alles tutti frutti – im wahrsten Sinne des Wortes; da sitzen Kiwi, Papaya & Co. fröhlich pfeiffend auf der Stange. Ein anderer Bekannte hingegen erklärt: „Bei uns gibt es traditionell einen Putzi im Schwarm.“ Getreu dem Motto „Hansi ist tot, es lebe Hansi“ ersetzt in einer weiteren Familie der kleine Vermittlungswelli Hansi – Überraschung – den alten Hansi.

Wie ist es bei euch? Habt ihr auch ein Namenssystem für eure Wellensittiche? Werden ehemalige Vermittlungswellis umbenannt oder behalten sie ihre Namen? Ich benenne meine Neuzugänge alle um. Schließlich ruft sich beim Training mit ehemaligen Vermittlungswellis ein „Daphna, komm“ leichter als „Schakeline-Schantall, komm‘ ma‘ bei die Mama!“… und ich muss mich in der Vogelpraxis nicht schämen, wenn wir aufgerufen werden! 😛


(1) Zitat: Wikipedia, aufgerufen am 24.2.2018, https://de.wikipedia.org/wiki/Tiername

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3 Gedanken zu “Schakeline-Schantaaal, komm’ma‘ bei die Mama!

  1. Sag mal… Sind Sprachwissenschaften und Wellensittichliebe irgendwie verbunden?
    Unsere „Großen“ sind Simon und Garfunkel.
    Die „Kleinen“ heißen bei uns aktuell alle nach Offizieren aus den Napoleonischen Kriegen und ihren Ehefrauen; die ungeplanten Zebrafinken nach den dazugehörenden Haustieren. Umbenannt wird immer.

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