Die Mafiabraut

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Bei dem Gedanken daran könnte ich mich noch heute ohrfeigen. Wie naiv kann man nur sein? Gefühlte hundertmal habe ich andere davor gewarnt, keine Wellensittiche von dubbiosen Vermehrern zu kaufen und dann das: Vor einem halben Jahr bin ich selbst auf so eine miese Masche reingefallen!

Nach Violettis Tod im Juli 2016 wollte ich drei Abgabewellensittichen bei mir ein neues Zuhause schenken. Als nach Venilia drei Wochen später Numidio bei uns einzog, fehlte nur noch eine kleine Henne, um das Geschlechterverhältnis wieder herzustellen und den Achterschwarm zu komplettieren. In den Sommerferien ist es leider sehr einfach an Abgabewellensittiche heran zu kommen und so hatte ich die Qual der Wahl aus unzähligen Annoncen die richtige Partnerin für Numidio zu finden. Gute Bekannte aus der Berliner Welli-Gruppe wussten davon und so dauerte es nur wenige Tage, bis mich eine Freundin anschrieb und mich auf eine ebay-Kleinanzeige, die in einer Notfeder-Gruppe geteilt worden ist, aufmerksam machte. Eine wildfarbene, sechsjährige Henne sollte da laut Text auf einen neuen Partner warten, da der alte Partner entflogen sein soll.

Nach einem kurzen Telefonat, in dem mir bestätigt worden ist, dass ich keine Transportbox brauchen würde, fuhr ich los in den tiefsten Osten der Stadt. Drei Stationen vorher sollte ich mich kurz melden, da der Verkäufer alles vorbereiten wollte. Mir war es nur recht, da auch an diesem Nachmittag das Termometer wieder über 30 Grad kletterte und ich keinem Wellensittich zumuten wollte, stundenlang in einer Transportbox ausharren zu müssen!

Der Weg führte durch Plattenhäuserschluchten und die breiten, vom kommunistischen Baustil geprägten Straßen waren wegen der Hitze menschenleer. An der Tramstation wurde ich beim Aussteigen von einem Mann angesprochen, ob ich wegen eines Wellensittichs hier war. Ich war völlig perplex, schließlich hatte ich ja eine Adresse genannt bekommen und ging davon aus, dass ich mir das Tier unverbindlich und in seiner gewohnten Umgebung ansehen dürfte. Nix da!

Der Mann, der mich abfing, hatte das Format eines PAX-Kleiderschranks von IKEA. Weniger nordisch war sein Äußeres: Die schwarze Kleidung, die dunklen, zurückgegelten Haare und die dunkle Sonnenbrille erinnerten eher an eine Mischung aus Mafioso und Rocker. Nun ging alles sehr schnell und man(n) nutze die Überrumpelungsstrategie aus: Ob ich das Geld dabei hätte?! „Wo ist der Wellensittich?“, fragte ich naiv und bereute meine Fragerei zugleich. „Wencke“, dachte ich, „fang jetzt bloß nicht an zu diskutieren!“, und schaute mich nach Fluchtmöglichkeiten um. Nix! Keine Menschenseele! Der Mann hielt mir eine Milchpackung hin: „20 Euro!“ „Ich lebe größtenteils vegan und habe zudem eine Laktoseintoleranz“, lag es mir auf der Zunge, aber ich konnte mich gerade noch so beherrschen und gab ihm das Geld. So ganz kampflos wollte ich mich aber nicht abzocken lassen und ließ mir noch den Packungsinhalt zeigen. Auf offener Straße öffnete er den Karton [mir blieb fast das Herz stehen] und zum Vorschein kam eine kleine, zerknautschte Henne, der an einem Ständer alle vier Krallen fehlten. „Der fehlt ein Fuß“, bemerkte ich. Der Typ glotzte den Vogel in seiner Hand an und murmelte etwas von „ist mir gar nicht aufgefallen“. „Ich dachte, Sie haben den Wellensittich seit sechs Jahren“, erwiderte ich forsch und brachte den Typen damit aus dem Konzept. Er stammelte etwas von seiner Freundin, die wohl die Besitzerin sei. Der PAX-Kleiderschrank reduzierte sich auf eine MALM-Kommode. Ich setzte nach und erkundigte mich, wieso der Vogel nicht in seinem Käfig abgegeben wird, wenn man doch laut ebay-Anzeige die Wellensittichhaltung aufgeben wollte. Er druckste rum, aber ich blieb nicht locker, bis er etwas von seiner Wellensittichzucht murmelte. Die Henne sei ihm aber zu alt, um sie in die Zucht aufzunehmen. Das Gespräch wurde ihm zunehmens unangenehmer, dann drehte er sich plötzlich grußlos um, sprang über das Gleisbett und verschwand in der Tram, die gerade gekommen war.

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Ich atmete auf, als ich die Häuserschluchten und glühenden Betonplatten-Straßen hinter mich lassen konnte und endlich wieder in der S-Bahn Richtung Charlottenburg fuhr. Auf dem Rückweg lieh ich mir von einer befreundeten Wellensittichhalterin einen Quarantänekäfig aus, da in meinem noch Numidio saß. Eigentlich wollte ich am Folgetag mit beiden Tieren zum Eingangscheck gehen, aber das Risiko durch die neue Henne war mir zu groß, sodass ich beide separat voneinander und natürlich von meinem getrennt Schwarm untergebracht habe.

Nachdem der Quarantänekäfig eingerichtet und die Henne versorgt war, schaute ich auf mein Smartphon und hatte eine Nachricht von der eingangs erwähnten Freundin im Postfach: „Also jetzt hat er mir gerade geschrieben, dass er die Henne am Montag oder Dienstag zu einem Bekannten bringt, wo sich das Paar nicht mag. Er hätte dann wohl einen blauen Welli im Angebot…

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Nur gut, dass die kleine Henne beim Eingangscheck war und nach der dreiwöchigen Quarantänezeit keine Auffälligkeiten mehr zeigte. Inzwischen ist Piumetta fester Bestandteil des Schwarms geworden und hat sich, wie erhofft mit Numidio zusammengetan.Zeit also, Resümee zu ziehen.

Trotz dieser Erlebnisse, bin ich weiterhin der Meinung, dass man Abgabewellensittichen immer den Vorzug gegenüber den (extra) gezüchteten Wellis geben sollte, um dem Vermehrertum durch eine Reduzierung der Nachfrage endlich Einhalt zu gebieten und um gleichzeitig unüberlegt angeschafften und nicht-artgerecht gehaltenen Tieren eine Chance auf ein besseres Leben zu geben! Dennoch seid achtsam, denn das Beispiel zeigt, dass sich nicht hinter jedem Abgabewelli auch wirklich ein (einsamer) Notfall verbirgt. Denn eines ist klar: noch weniger als Vermehrer sollte man dubbiose Tierhändler mit seinem Geld unterstützen! Daher achtet bei ebay Kleinanzeigen immer auf mitleidserregende Formulierungen wie „Partner weggeflogen/ von Katze gefressen/ gestorben“ oder „Kinder haben keine Lust mehr/ Allergie/ Vogel muss schnell weg“ und geht immer zu zweit zum Abholort, da man euch so nicht so schnell überrumpeln kann. Auch wenn es hart klingt und für das Individuum sicher sehr unschön ist: Lasst die Finger von dem Kauf, wenn ihr das Gefühl habt, ihr unterstützt dubbiose Tierhändler! Denn merke: Wer seinen Wellensittich (aus gutem Grund) wirklich schnell los werden möchte und/oder das Interesse verloren hat, der ist froh, dass ihr den Vogel nehmt und schenkt ihn euch. Wer seinen Wellensittich abgeben muss, aber möchte, dass es dem Tier gut geht, der „schützt“ es nicht mit einer „Schutzgebühr“, sondern schaut sich das neue Zuhause an, stellt euch viele Fragen, trifft dann, meist Tage oder gar Wochen später, eine Entscheidung für oder gegen euch und überlässt euch den Welli dann kostenfrei, wohl wissend, was alleine für den Eingangscheck auf den neuen Besitzer finanziell zukommt. Wer beim Einschätzen von ebay Kleinanzeigen unsicher ist, der sollte sich hinsichtlich der Aufnahme von Abgabewellensittichen nicht abschrecken lassen, sondern einfach in die Vermittlungsforen des VWFD.de oder bei Welli.net schauen.Habt keine Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen!

Die Geschichte sprach sich unter Tierfreunden und in Vermittlungsforen schnell rum. Bereits am nächsten Morgen begrüßte mich eine WhatsApp-Nachricht von Janina, Admina der Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps„, fröhlich mit den Worten: „Na, was macht die Mafiabraut? :D“ Was soll ich dazu sagen… seuftz *augenroll*


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Resümee 2016

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Es ist der 31.12.16 und Zeit Resümee zu ziehen, vor allem aber Danke an alle Leser meines Blogs, an alle Follower der Facebook– und Google+-Seite und an alle Zuschauer meiner Videos zu sagen!

Als ich im Mai 2015 angefangen hatte zu bloggen, wusste ich selbst nicht genau, wohin die Reise gegen sollte. Ich wollte weder staubtrockenes Wissen über Wellensittiche wiedergeben, noch mit bestehenden Blogs konkurrieren. Mit meinem Slogan „Wissenswertes, Spannendes und Lustiges rund um Wellensittiche“ hoffe ich, dass mir eine interessante Abwechslung zwischen persönlichen Erfahrungsberichten, Wissenswertem und Videos gelungen ist. Am wichtigsten ist mir, dass sich meine Begeisterung für die kleinen Australier auf andere überträgt und sich Wellensittichhalter nicht mehr verstecken müssen. Wir haben die besten, süßesten und coolsten Haustiere der Welt – also nix da von wegen „langweiliges Oma-Image“! Tragt auch ihr weiterhin dazu bei, mit positiven Beispielen das Image und die Haltung unserer „Stubenadler“ zu verbessern!

Das Jahr 2016 war bei uns von Höhen und Tiefen geprägt: Wir hatten mit Violetti und Küki Pulcina zwei sehr traurige Verluste und auch mit den anderen Wellis leider sehr viele begründete Tierarztbesuche.

Wellensittiche: Piumetta, Numidio und Venilia

Aber mit Venilia, Numidio und Piumetta hatten wir auch drei Neuzugänge, die sich wunderbar integriert haben. Insgesamt neun Gäste haben unser Schwarmleben dieses Jahr bereichert, davon sieben Vermittlungstiere, von denen fünf bereits ein neues Zuhause gefunden haben*.

Ende Dezember wurde ein langjähriger Traum endlich wahr: Ein Umzug in eine größere Wohnung ermöglichte nicht nur die langersehnte Schwarmerweiterung mit meinem „Welliretter“, der seit über vier Jahren meine Wellis füttert, aus der Gardine fischt, zum Tierarzt fährt, manchmal leider auch liebevoll beerdigt und Tränen trocknet, sondern auch einen funktionierenden Kühlschrank und eine hundehaarfreie Waschmaschine (adé, du stinkende Gemeinschaftsbakterienschleuder!)… äh, quatsch, ich wollte natürlich sagen: EIN EIGENES VOGELZIMMER! Künftig können sich meine acht Tiere auf 20 m² ganztägig austoben und an vielen horizontalen und vertikalen Spielplätzen ihrer Nagewut frönen.

Auch der Blick in die Seiten-Statistiken motiviert mich, weiterhin für euch über unser gemeinsames Hobby zu bloggen! So hat der Blog im Jahr 2016 knapp 10.000 Leser erreicht mit rund 40.000 Seitenaufrufen mit monatlich steigender Tendenz, auf YouTube sind es inzwischen über 940 Abonnenten und täglich kommen neue dazu. Auch Google+ und Pinterest zeigen eine erfreuliche Entwicklung. Mein besonderer Dank gilt allen, die mich mit Lob, konstruktiver Kritik und gemeinsamen Projekten unterstützt und weitergebracht haben! Für das Jahr 2017 sind weitere spannende Videos und interessante Artikel in Planung; gerne nehme ich aber auch eure Themenvorschläge auf und freue mich (weiterhin) über die Zusammenarbeit mit anderen Bloggern, YouTubern, Facebookgruppen, Vereinen, engagierten Wellensittichhaltern und und und… 😀

Damit alle gut in das neue Jahr kommen, hier noch ein Silvester-Tipp:

Auch wenn es für die Wellensittiche unschön ist, so sollte man seine Tiere zum Selbstschutz bei Einbruch der Dunkelheit in einen (kleinen) Käfig sperren und die Türen verschließen. Am besten bestückt man den Käfig mit beweglichen Spielzeugen, da von diesen ein geringeres Verletzungsrisiko ausgeht, wenn sich die Wellensittiche in der Nacht erschrecken. Am besten verdunkelt man die Fenster, stellt eine Lichtquelle in Fensternähe auf (reduziert das Blitzlicht, das ins Zimmer dringt) und lässt die ganz Nacht leise das Radio an.

Einen guten Rutsch und ein glückliches, gesundes und wellireiches Jahr 2017 wünschen,

Wencke
mit Briciolino, Chiocciolina, Filuzzo, Icaro, Antonia, Venilia, Numidio und Piumetta

<3 unvergessen Pepita, Mäxchen, Piumina, Antonella, Pulcina und Violetta <3

*Das 2-3 jährige zutrauliche und ruhige Wellensittichpärchen, Bella und Bonito, suchen noch nach einem liebevollen Zuhause. Transport kann deutschlandweit organisiert werden; beide sitzen derzeit bei mir in Berlin. Bewerbungen auf die beiden laufen bitte über den VWFD: vermittlungen@vwfd.de

Erste-Hilfe-Kurs für Wellensittichhalter

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Wer kennt es nicht? Es ist Samstagnachmittag, alle Vogelpraxen sind geschlossen und dann passiert es: einer der geliebten Wellensittiche braucht dringend Hilfe! Doch wie verhält man sich? Wie greift man das Tier richtig und wie leistet man Erste Hilfe? In einem Erste-Hilfe-Kurs der Vogelpraxis meines Vertrauens erlernten wir die wichtigsten Handgriffe.

Der Anlass zu diesem Kurs liegt schon Monate her: Ich hatte durch Zufall ein dehydriertes und unterernährtes Küken gefunden, das einige Tage zugefüttert werden musste. Von Samstagnachmittag bis Montagabend mühte ich mich redlich ab und brauchte pro Fütterung rund eine Stunde. Als ich nun am Montagabend in der Vogelpraxis neidisch dabei zusah, wie meine Tierärztin mit der Kropfsonde (oder auch Knopfkanüle) innerhalb weniger Sekunden mein hungriges Küken satt machte, fragte ich, ob man so etwas als „Otto-Normal-Tierhalter“ auch erlernen könne. Die Tierärztin griff meine Bitte gleich auf und so wurde der Erste-Hilfe-Kurs im November organisiert. 🙂

Ich wurde in den letzten Tagen von einigen Leser/innen über Facebook, eMails oder diesen Blog gebeten von dem Kurs zu berichten. Nun, theoretisch ist jedem interessierten Wellensittichhalter aus der (Fach-)Literatur bekannt, wie man sein Tier richtig einfängt, hält oder erstversorgt… aber eben nur theoretisch! In der Praxis zeigte sich einmal mehr, wie wichtig es ist, unter fachkundiger Anleitung auch die Basics, wie das Fangen und Halten, zu üben, denn das ist das A und O für alle weiteren Maßnahmen.

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Auch wir haben in einem 1-stündigen Vortrag nochmal in aller Kürze wie wichtigsten theoretischen Grundlagen aufgefrischt. Bei der Gelegenheit habe ich meine Tierärztin zu den gängigsten Fragen aus den Foren gelöchert.

  1. Wellensittiche können beim Tierarzt vor Stress sterben. Das ist falsch, denn kein gesundes Tier stirbt an Stress! Es kann aber durchaus sein, dass Tiere bereits so geschwächt durch ihre Krankheit sind, dass sie daran versterben. Erfahrende und vor allem vogelkundige Tierärzte können die Gefahr eines Kreislaufkollaps bei kranken Tieren aber in der Regel einschätzen und von einer Behandlung, die das Greifen erfordert, absehen und stattdessen kreislaufunterstützende Maßnahmen einleiten. Es ist daher wichtig, immer rechtzeitig und bei ersten Anzeichen von Krankheitssymptomen zum vogelkundigen Tierarzt zu gehen!!!
  2. Petersilie ist giftig. Jein, die Menge macht’s. Petersilie enthält wertvolle Mineralien, Vitamine und Spurenelemente. Da Petersilie aber leicht toxisch, also giftig, ist, sollte man sie nur in Maßen füttern und am besten die Stiele weglassen, da dort das meiste „Gift“ sitzt.
  3. Wellensittiche verbluten sehr schnell. Die gute Nachricht für alle, die ein so zartes Gemüt haben wie ich: Ihr habt in der Regel genug Zeit erst in Ohnmacht zu fallen und dann zu handeln! Durch den Schock, der häufig den Verletzungsvorgang begleitet, gerinnt die Blutung sehr schnell. Selbst Vögel mit angetrennten Gliedmaßen haben daher eine gute Überlebenschance, wenn zügig ein vogelkundiger Tierarzt aufgesucht wird.

Nach einer kurzen Pause kam der Teil des Nachmittags, auf den ich mich seit Monaten gleichermaßen freute und fürchtete: der Praxisteil! Um individueller geschult zu werden, wurden die elf Teilnehmer auf zwei Gruppen aufgeteilt. Da ich bereits während der Pause die toten „Übungsengel“ der Gruppe 1 gesehen habe (die Wellis waren einfach zu süß und sahen aus, wie meine :'( ), wählte ich Gruppe 2. Da ich mich kenne, hatte ich vorsorglich meinen Freund mitgenommen. Er ist Krankpfleger auf einer Rettungsstelle und zudem noch freiwilliger Feuerwehrmann – ich wusste also, dass ich im Notfall beruhigt in Ohnmacht fallen konnte. Wir hatten ausgemacht, dass, wenn immer mir schwarz vor Augen wurde, ich ganz beschäftigt zum Fotoapparat eilen würde, denn durch das Mini-Guckloch (auch Sucher genannt 😉 ) sieht alles nicht mehr ganz so schlimm aus. Es entstanden einge Fotos… natürlich völlig gewollt und geplant! 😛 Spaß bei Seite – ich finde, ich habe mich wacker geschlagen und nach einer Gewöhnungsphase auch alles mitgemacht.

Das Üben an den toten Wellensittichen hat uns auf den Erstfall vorbereitet: Ein Schwarm Kanarienvögel und einige Fundwellensittiche brauchten etwas gegen Trichomonaden per Kropfsonde und ein Spot-on gegen Milben. So hatte unsere Übung gleich einen ernsten Hintergrund.

Die 4 1/2 Stunden sind wie im Flug vergangen! Es war ein hochinteressanter, spannender und lehrreicher Tag gewesen. Zum Abschied bekommen wir von der Vogelpraxis noch einen Erste-Hilfe-Kit mit. Enthalten sind eine Kropfkanüle & passende Einwegspritzen, blutstillende Mittel, Verbandszeug sowie ein leichtes Schmerzmittel (Traumeel) für die Erstversorgung, bzw. um die Zeit des Transports zum Tierarzt zu überbrücken. Wir scheinen artige und aufmerksame Schüler/innen gewesen zu sein, denn unsere Tierärztin regte an, dass man nächstes Jahr wieder einen Kurs mit weiteren Themen machen könnte. Ich kann es kaum erwarten und freue mich auf die Fortsetzung!

Ein herzliches Dankeschön an Frau Dr. Kling und Frau Feder von der Vogelpraxis Dr. Kling für ihre Zeit, Geduld und Mühen sowie diesen aufregenden, lehrreichen und spannenden Erste-Hilfe-Kurs!

Welttierschutztag

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Heute, am 4. Oktober ist Welttierschutztag… und für mich persönlich ein kleines Jubiläum, da ich vor ziemlich genau 20 Jahren meinen ersten Wellensittich von meinen Eltern bekommen hatte. Zeit also, für ein kleines Resümee!

Meine Begeisterung für Wellensittiche liegt weiter zurück, als ich denken kann… man könnte fast sagen, sie ist mir in die Wiege gelegt worden: Bereits meine Mutter hatte seit ihrer Kindheit Wellensittiche und ihre letzte Henne starb an jenem Tag, als ich das Licht der Welt erblickte. Zu gerne hörte ich damals die Geschichte, wie meine Mutter an einem der kältesten Tage seit der Wetteraufzeichnung (Wetter in einigen Teilen Ostdeutschlands an diesem Tag bis -30 °C) bereits mit einsetzenden Wehen ihre Pepita weinend im See begrub und danach das Auto freibuddelte, um in den Kreissaal zu fahren.

Schon früh stand daher also fest: Wenn es Haustiere gibt, dann muss es ein Wellensittich sein! Wie viele Eltern, versuchten auch meine sich irgendwie aus dem Versprechen herauszuwinden. Als Kind durchschaut man die Gemeinheiten der Erwachsenen leider (oder zum Glück) noch nicht und so glaubte ich meiner Mutter, dass man wohl „sechs Jahre alt“ sein müsse, um alt genug für ein Haustier zu sein. Da ich noch einen drei Jahre jüngeren Bruder hatte, vertrieb ich mir die Wartezeit bis er sechs wurde, erst mit Bilderanschauen, später, mit Lesen von Büchern über Wellensittichhaltung und fieberte meinem neunten Geburtstag im Januar 1996 entgegen…

Es war kurz vor Heiligabend 1995 und ich rechnete fest damit, dass ich schon erstes Zubehör geschenkt bekommen würde, als unsere Eltern mich und meinen Bruder bei einem Abendspaziergang beiseite nahmen. „Und? Was wünscht ihr euch zu Weihnachten?“, fragten meine Eltern mit einem ungewöhnlichen Leuchten in den Augen. Ich sofort: „Einen Wellensittich!“ Natürlich wusste ich schon damals, dass Wellensittiche kein Weihnachtsgeschenk sind und ich sicher erst ein paar Wochen später einen blauen Welli, namens Max, kriegen würde (ich gehörte schon früh zu den Menschen, die genau wussten, was sie wollten! 😉 ). Meine Eltern ließen sich nicht beirren und ignorierten meinen Zwischenruf: „Und? Würdet ihr euch auch über ein Brüderchen freuen?“ „Nö! Ich will einen Wellensittich!“, sagte ich fröhlich und nicht ahnend, dass mir wenige Sekunden später der Traum eines Haustieres auf brutalste Weise genommen werden würde. „Ihr bekommt aber einen Bruder…“, stammelten meine Eltern nun doch sichtlich irritiert. Was dann geschah, vergaß man in ganz Nordberlin nicht so schnell: Es ertönte ein ohrenbetäubendes Geheul und Geschluchtse und die Tränen spritzten nur so aus meinen Augen. Da stand ich nun, kurz vor meinem ersehnten 9. Geburtstag, alleine im dunklen Wald, verheult und vor Kälte zitternd, verraten von den eigenen Eltern! Der einzige unerträgliche Gedanke war: „Nochmal sechs Jahre warten bis der Kleine so groß ist, dass ich ein Haustier haben darf?“ Das Weihnachtsfest 1995 war für mich gelaufen… keine Ahnung, was ich zum Trost geschenkt bekommen hatte, es war mir alles egal!

Glücklichweise hatten meine Eltern erbarmen mit mir und das Versprechen wurde ein paar Monate nach der Geburt meines jüngsten Bruders dann doch eingelöst: In der ersten Oktoberwoche 1996 zog eine kleine blaue Wellensittichhenne bei uns ein. Ich erinnere mich noch heute an jedes Detail: den Zooladen, die Qual der Wahl, die Aufregung – und dass ich durch die Herbstferien niemandem sofort von meinem großen Glück erzählen konnte.

Das Glück hielt leider nicht lange an, denn schon damals waren Wellensittiche in Zoogeschäften „Massenware“ und bei der Zucht wurde nicht viel Sorgfalt an den Tag gelegt. Ein knappes dreiviertel Jahr lang waren wir regelmäßig bei einer vogelkundigen Tierärztin, bis mein Vater eines Tages im Sommer 1997 alleine in die Praxis gebeten wurde. Als er traurig mit einer verschlossenen Pappschachtel zurückkam, brach für mich, damals 10 Jahre alt, eine Welt zusammen. Ich weiß nicht, wie viele Tage ich um meine kleine Pepita geweint hatte.

Jene Tierärztin hatte zu der Zeit selber gezüchtet und bot uns auf Nachfrage ein paar Wochen später ihr letztes Küken aus dem aktuellen Gelege an. Es war Liebe auf den ersten Blick und noch am selben Tag zog endlich der langersehnte Wellensittichhahn ein: Mäxchen!

Leider wusste man vor 20 Jahren noch nicht viel über den australischen Schwarmvogel, sodass selbst in Sachbüchern Einzelhaltung und – aus heutiger Sicht – tierschutzwidriges Spielzeug empfohlen wurde. Für die jüngeren unter meinen Lesern: Nein, Internet gab es für den „Ottonormalo“ auch noch nicht, geschweige denn Wellensittichforen, Infoseiten, Blogs oder Videos.

Mäxchen war ein langes und gesundes Leben vergönnt, aber, wie ich jetzt weiß, nicht das allerglücklichste, denn trotz aller Liebe und Zuwendung seitens der gesamten Familie, fehlte ein entscheidender Faktor: ein Partnervogel!

Heute, nach 20 Jahren Wellensittichhaltung, blicke ich zurück und weiß, dass ich vieles schon damals hätte besser machen können. Das schlechte Gewissen, aber vor allem die Einsicht sind heute mein größter Motivator meine Tierhaltung jeden Tag auf’s Neue kritisch zu hinterfragen und nach neuen, tiergerechten Ideen und Enrichment-Lösungen für meine Wellensittiche zu suchen. Auch wenn die meisten Wellensittiche bei engagierten Haltern ein gutes Leben mit Partnervogel (oder sogar in einem Schwarm) haben, sind wir noch lange nicht am Ziel und dürfen uns zurücklehnen. Es geht immer noch ein kleines Stückchen besser!

Und da ich nicht gerne mit dem Finger auf andere zeige, fange ich bei mir selbst mit den propagandierten Verbesserungen an: Mein Minischwarm aus derzeit acht Tieren zieht Ende des Jahres mit mir um! Meine Plüschies bekommen endlich ein eigenes 20 m² großes Zimmer (evtl. im Sommer sogar mit Außenbereich). 😀 Ich plane derzeit ein Welli-Paradies mit allem, was die kleinen Herzchen höher schlagen lässt. Meine Ergebnisse und Bastelarbeiten werde ich natürlich mit euch teilen – aber ich freue mich genauso über Tipps und Bastelideen von euch! Lasst uns gemeinsam, am heutigen Welttierschutztag, den vielen Wellensittichhaltern außerhalb der Foren und Communities zeigen, wie unglaublich toll und interessant unsere Tiere sind und wie sie in art- und tiergerechter Umgebung aufblühen!

Eure Wencke

mit Briciolino, Chiocciolina, Filuzzo, Icaro, Antonia, Venilia, Numidio und Piumetta.
Unvergessen im Hirseland: Violetti, Pulcina, Antonella, Piumina, Pepita und natürlich Mäxchen!

Für alle, die sich jetzt fragen, was aus meinem kleinen Überraschungsbruder geworden ist: Natürlich liebe ich ihn. Aus dem tollpatschigen Baby ist mein „Welli-Retter“ und zuverlässiger Tierpfleger geworden, wenn ich auf Reisen bin! Vielen Dank, dass ich mich immer auf dich verlassen kann, Philli :* Deine große Schwester

Handicap-Wellensittiche Teil 3: Erfahrungsberichte

Im dritten Teil der Mini-Serie über Handicap-Wellensittiche lasse ich einige Halterinnen zu Wort kommen. Mit kreativen Einrichtungsideen und sehr viel Liebe zum Detail wurde Käfige zu Spielparadiesen umgebaut, damit auch körperlich eingeschränkte Tiere aktiv am Schwarmleben teilnehmen können.

Die wenigsten Tierhalter planen von Anfang an, gehandicapte Wellensittiche aufzunehmen. Meistens „rutscht man da so rein“. Da auch die Umstände, der Krankheitsgrad des Tieres und auch das Wohnumfeld sehr unterschiedlich sind, ist es sehr hilfreich, sich als Halter von Handicap-Vögeln in einer Gruppe wie „Wellensittiche -Senioren & Handicaps“ auszutauschen. In gemeinschaftlicher Arbeit ist folgendes Video entstanden.

Neben den Videos und Bilder haben engagierte Wellensittichhalterinnen auch ihre Erfahrungen zu Papier gebracht und möchten ihre Ideen, Tipps & Wissen mit euch teilen. Den Anfang macht Annett, die Erfahrungen in der Einrichtung von behindertengerechten Käfigen hat: „Unser gehandicapter Max ist an PBFD erkrankt und hat daher einen großen Gefiederverlust und zudem eine Blutgerinnungsstörung. Er wird im August zwei Jahre alt und konnte noch nie fliegen… [weiter lesen].“

Mäxchen ist leider am 30. Januar 2017 verstorben.

Eigentlich sollte es eine kurze Mail an mich werden, um die Bilder für das Video zu beschreiben. Heraus kam ein ehrlicher und authentischer Erfahrungs- und Erlebnisbericht von Melanie. In ihrem Beitrag erfährt man auch von den Schattenseiten der Tierhaltung, den Kosten und das Leid, das Vogel und Tierhalter durchmachen. Melanie: „[…] Als ich eines Tages die Wohnung verlassen wollte, bin ich beinahe über einen Vogelkäfig gestolpert, der vor meiner Tür stand. Und da saßen nun zwei hübsche, offensichtlich noch junge Nymphensittiche! Ich habe es nie wirklich herausgefunden, wer sie mir vor die Tür gestellt hat… [weiter lesen].“

Ob Ballengeschwüre oder Arthrose: Als Halter von „fußkranken“ Vögeln sollte man unbedingt die Sitzstangen polstern. Das ist aber gar nicht so leicht, wie man denken könnte, da das Material fussel- und schlingenfrei sein muss, damit sich die Tiere darin nicht verheddern. Einen tollen Tipp sowie Links und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung bekommen wir von Natascha: Anleitung hier lesen.

Manche Wellensittichhalter haben sehr schwerwiegende Fälle zu betreuen. So auch Tatjana: „Ich habe einen Wellensittich (meine Maggi), die es wirklich schlimm getroffen hat. Ein Fundtier aus dem Tierheim Ulm. Am Anfang dachten alle an ein Schleudertrauma, aber weil sie noch fraß und auf der Stange sitzen konnte, hat man sie nicht eingeschläfert. Also holte ich sie zu mir, ohne genau zu wissen, was ihr fehlt. Bei meinem vkTA konnten wir ein Augentrauma feststellen und das sie nichts hören kann. Sie sieht zwar, aber nur undeutlich. Er fragte mich auch direkt, ob man sie nicht erlösen solle, da so ein Leben für ein Welli nicht schön sei. Ich lehnte ab und wollte mich nicht damit abfinden, dass für sie nicht wenigstens eine Verbesserung zu erreichen war. Dazu muss man sagen, das sie es echt schwer hat mit der Orientierung hat und sich ständig im Kreis dreht. Da sie nichts hört und kaum was sieht, erkennt sie auch meine anderen Wellis nicht. Medikamente halfen alle nicht oder nur unwesentlich. Ich baute ihr ein Freigehege in meinem Vogelzimmer. Mit geschütztem Raum und sie kann direkt auch raus und auf dem Boden rumlaufen. Ich bastelte Spielplätze in Bodenhöhe und beobachtete sie. Am Anfang hatte sie es wirklich schwer sich zureckt zu finden. Aber Klettern konnte sie prima. Also sammelte ich sie bis zu 5mal am Tag wieder ein und brachte sie in ihren geschützen Bereich zurück. Mittlerweile fanden meine anderen fliegenden Wellis die kleine auch sehr nett und fingen an Kontakt aufzunehmen und sich um sie zu
kümmen. Da Maggi sie nicht erkannte, schimpfte sie immer sehr deutlich wenn einer der Wellis ihr zu nahe kamen. Aber mittlerweile klappt es sehr gut. Sie hat jetzt immer einen Aufpasser (einer aus 18 Wellensittichen) dabei. Immer mal ein Anderer. Läuft sie in eine Sackgasse, wird sie liebevoll am Schnalbel geführt. Ist sie unsicher ob sie weiter kommt, wird sie leicht angestupst. Und sie findet selber zu ihrem geschützten Bereich zurück um zu fressen und Wasser aufzunehmen.“

Maggi ist leider im September 2016 überraschend verstorben.

 

Handicap-Wellensittiche Teil 2: Krankheitsbedingte Behinderungen

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Es war das erste, was mir auffiel, als ich das Küken unten im Verkaufskäfig in den Exkrementen der anderen sitzen sah: Die eingedrehten Füße wiesen auf eine durch Rachitis ausgelöste Fehlstellung der Knochen hin.

Es gibt viele Krankheiten, die Fehlstellungen, Missbildungen oder Flugunfähigkeit hervorrufen können. Wer sich entscheidet, einem gehandicapten Tier eine Chance auf ein schönes und möglichst artgerechtes Leben oder dessen Tier im Laufe seines Lebens krankheitsbedingt körperliche Einschränkungen erleidet, findet in der Facebook-Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps“ Rat und Hilfe.

Janina, eine der drei Admins der Gruppe, hatte im ersten Teil unserer Mini-Serie über unfall- oder geburtsbedinge Behinderungen geschrieben. Im folgenden zweiten Teil schildert sie einige der häufigsten Krankheitsbilder, die dauerhafte Einschränkungen für den betroffenen Wellensittich bedeuten.

2. Teil Wellensittiche mit Erkrankungen als Handicap

Der ein oder andere fragt sich, was Erkrankungen mit Handicaps zu tun haben. Unter Handicap versteht man eigentlich eine körperliche Behinderung. Darauf möchte ich gerne näher eingehen und erinnere mich an meine Anfänge in diversen Wellensittich-Gruppen bei Facebook: Nur selten las ich von Haltern, die sich über die Fortschritte ihres Megabakterienpatienten freuten. Ich sah wenige Fotos von ampho*verschmierten Schnuten oder gar Wellensittiche mit Gefiederkrankheiten, die dadurch ihr Federkleid eingebüßt haben. Es machte fast den Anschein, es gebe kaum Vögel mit solchen Gebrechen.

Wellensittiche_Handicaps_teaserIch weiß es heute besser, denn ich lernte die Hemmungen kennen, die ein Halter verspürt, über seine kranken Vögelchen zu sprechen. Nicht alle sind aufgeschlossen genug oder möchten gar Fotos von einem gerupften Welli sehen. Neben vielen Fragen, unnötigen oder unsinnigen Ratschlägen wird ein Halter mit beispielsweise PBFD-Vögeln auch verurteilt oder gar beschimpft. Das liegt häufig daran, dass andere Halter nicht das Verständnis aufbringen können oder nur unzureichend über die verschiedenen Krankheiten aufgeklärt sind. Es fehlt das Wissen, das auch betroffene Vögel durchaus ein schönes Leben führen können und ihren Haltern jeden Tag Freude bereiten. Eine angepasste Einrichtung, abgestimmt auf die Bedürfnisse der kleinen Patienten, in Verbindung mit medizinischer Versorgung, ermöglichen es dem Sorgenvögelchen ein glückliches und erfülltes Leben zu genießen.

13823520_1060394634042589_1602826602_nTiere die an chronischen oder ansteckenden Krankheiten leiden, sind Handicaps, weil sie gleichermaßen palliativer Betreuung und Versorgung bedürfen. Grundsätzlich kann man sagen, sie haben genauso spezielle Bedürfnisse an Haltung und Ernährung wie körperlich gehandicapte Artgenossen. Die häufigsten Erkrankungen sind Gefiederstörungen, zum Beispiel durch Polyoma oder Circoviren, Infektionskrankheiten wie Macrorhabdiose (Megabakteriose), Trichomonaden oder Pilzinfektionen und Erkrankungen verschiedener Organe wie vergrößerte Leber, Nierenprobleme oder Tumore.

Die Halter dieser Patienten haben unsere Anerkennung, sehr viel Lob und Zusprache verdient. Es ist nicht selbstverständlich sich aufopfernd, mit Hingabe und viel Liebe um solche Sorgenvögelchen zu kümmern. Es bedeutet in einigen Fällen, dass der Halter auch einen nicht zu unterschätzenden Kostenaufwand für die medizinische Versorgung zu tragen hat und auch eine psychische Last zu tragen hat, denn Freud und Leid liegen unter Umständen sehr häufig nah beieinander. Deshalb ist eine Gruppe, die das Wissen und die Sorgen eines Handicap/Senioren-Wellensittichs teilt, sehr wichtig für den einzelnen Halter, um sich Rat zu holen, aber auch um moralische Unterstützung zu erhalten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Bedürfnisse und Ansprüche von Handicap und Senioren Wellensittichen etwas höher und spezieller als bei  gesunden Vögeln, aber nicht unmöglich zu erfüllen sind. Die einfachsten Dinge wie ein Kletterseil oder eine gepolsterte Stange können schon die Lösung des Problems sein. Jedes Handicap stellt individuelle Ansprüche an den Halter dar, die es mit Geschick, Kreativität und viel Fürsorge zu erfüllen gilt.

Ich gebe zu, ich hätte weniger Arbeit mit gesunden Wellensittichen. Ich würde wesentlich weniger sorgenvolle Tage haben, wenn ich mich nicht mit der Pflege und den Krankheiten beschäftigen müsste. Ich hätte nicht ständig Tierarzt- und Medikamentenkosten. Ich hätte mehr Zeit, weil ich nicht mit Putzen, Tierarztbesuchen, Medikamentengabe, speziellen Futterzubereitungen, Recherchen und Bastelarbeiten beschäftigt wäre. Und ich müsste nicht ständig die schwersten Entscheidungen überhaupt treffen, welche sich häufig um Leben und Tod drehen und am Ende dann trotzdem Zweifel zu haben, ob es wirklich im Sinne des Tieres ist/war.

Wir Halter von Senioren & Handicap-Wellensittichen nehmen dies aber in Kauf, denn es wird uns so viel mehr zurückgegeben. Wir dürfen Freude, Liebe und Glück mit unseren Lieblingen teilen und uns daran erfreuen, wie ein gehandicapter Wellensittich aufblüht und sein Leben glücklich lebt. Das ist unser Verdienst, wir wachsen mit jeder Aufgabe und es macht uns unsagbar Stolz!

Janina

Ich danke Janina, von der Facebook-Gruppe Wellensittiche -Senioren& Handicaps-, für den ausführlichen Bericht und hoffe, dass mit dem zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie Vorurteile abgebaut und Verständnis aufgebaut werden konnten. Neben der Facebook-Gruppe, in der sich betroffene Halter austauschen können, empfehle ich als Lektüre die Seite www.birds-online.de. Im dritten Teil erwarten euch Erfahrungsberichte und ein Video mit Lösungen von Halterinnen mit körperlich & gesundheitlich eingeschränkten Wellensittichen.


* gemeint ist Ampho Moronal, ein häufig verwendetes Präparat bei der Behandlung von Macrorhabdiose („Going-Light-Syndrom“)

Handicap-Wellensittiche Teil 1: Körperliche Behinderungen

Langsam segelt die Schwungfeder zu Boden. Es war die letzte an Antonias rechtem Flügel. Ich weiß, was das heißt… und fünf Minuten später wusste es auch Antonia!

Wellensittich_Schwungfedern fehlenVerwirrt sitzt sie mitten im Zimmer auf dem Boden und schlägt ängstlich mit den Flügeln. Blöde Mauser! In den nächsten Wochen wird Antonia wohl meine fürsorglich aufgestellte Leiter nehmen müssen, um wieder in den Käfig zu gelangen, bis ihre äußeren Schwungfedern wieder nachgewachsen sind.

Im Leben eines Wellensittichs kann es mauser- oder unfallbedingt immer wieder mal zu temporären körperlichen Einschränkungen kommen. Einige Tiere bleiben aber leider für immer gehandicapt. Da dies jedem Wellensittich (und damit auch Wellensittichhalter) treffen kann, möchte ich in einer dreiteiligen Serie die Facebook-Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps“ zu Wort kommen lassen. Neben unfallbedingten Handicaps wird Janina, eine der drei Admins der Gruppe, auch über Behinderungen berichten, die krankheits- oder geburtsbedingt sind.

Einige Mitglieder dieser Gruppe, unter ihnen Annett, Elfi, Melanie, Natascha und Tatjana, haben uns für das gemeinsame Projekt Bilder und Videos zur Verfügung gestellt. Sie möchten Haltern von Wellensittich Senioren & Handicaps ihre Lösungsansätze und Ideen weitergeben und zeigen, dass auch körperlich eingeschränkte Tiere ein lebenswertes Leben haben.

Über die Facebook-Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps“
von Janina

Die Idee für diese spezielle Gruppe entstand aus dem Wunsch, Wellensittichhaltern mit Handicap- und Senioren Vögeln eine Plattform zu bieten, auf der sie sich austauschen können, Probleme teilen und sich gegenseitig unterstützen. Halter mit den gleichen Sorgen um ihre Tiere wissen am ehesten einen guten Rat – oder sind einfach da, um nach einer guten Lösung für das eigene Sorgenvögelchen zu suchen, um andere zu trösten oder um die Freude über kleine Fortschritte zu teilen.

PBFD www.birds-online.de

Unter Handicap verstehen wir nicht nur körperlich eingeschränkte Wellensittiche, sondern auch jene, die an einer Gefiederstörung leiden, organische Probleme oder chronischen Erkrankungen haben. In dieser Gruppe dürfen wir auch daran teilhaben, wie glücklich ein nackiges PBFD*-Vögelchen ein Basilikumbad nimmt oder eine flugunfähige Henne die heißesten Liebesbekundungen mit ihrem Hahn austauscht.

Neben dem Kontakt zu gleichgesinnten Haltern, findet ihr aber auch viele hilfreiche Informationen zu verschiedenen Themen. Außer den Standard-Dateien, wie einer Liste für vogelkundige Tierärzte, Empfehlungen zu Onlineshops, Ernährungstipps usw., arbeiten die Admins auch an speziellen Informationen und PDFs. Hier findet man Infos zu der Ernährung bei Megabakterien und Lebererkrankungen, Tipps für spezielle Käfigeinrichtung oder ein Wiege- und Medizinplan zum Ausdrucken.

Wir freuen uns über jedes neue Mitglied und alle, die sich aktiv beteiligen. Wir profitieren vom Wissen anderer, geben unsere eigenen Erfahrungen weiter und so schließt sich der Kreislauf. Hast auch du einen älteren und / oder gehandicapten Wellensittich, schreibe dich in unsere Facebook-Gruppe „Wellensittiche -Senioren& Handicaps-„ ein.

* PBDF: Psittacine Beak and Feather Disease („Schnabel- und Federkrankheit bei Papageien“). Mehr Infos auf www.birds-online.de

Erster Teil: Wellensittiche mit körperlichem Handicap

Wellensittich_körperliche Handocaps
Unsere Lieblinge können durch die verschiedensten Unfälle im Haushalt, das Zusammenleben mit den falschen Vogelarten, durch Geburtsfehler oder Fehler in der Aufzucht zu einer körperlichen Behinderung kommen. Dieses Wort verwende ich höchst selten, denn ich kann kaum eine Hinderung im Sozialverhalten und dem täglichen Leben meiner flugunfähigen Wellensittiche feststellen. Dies erreicht man aber nur, indem man einiges an Zeit und etwas Geld aufwendet, um eine Umgebung zu schaffen, die der Wellensittich mit seinem Handicap gefahrlos und sicher erkunden kann. Der Halter läuft zu kreativer Höchstform auf, indem er immer neue Hilfen bastelt, um seinen Lieblingen ein angenehmes Leben zu bereiten. Häufig entstehen ganze Kletterwälder, damit der Wellensittich an allen Aktivitäten des Schwarms teilhaben kann.

Plätze zum ausruhen laden nicht nur „Handicaps“, sondern auch Senioren zum Verweilen ein. Gepolsterte Stangen lindern bei Druckgeschwüren den Schmerz. Käfig- und Fußböden, die mit weichem Material oder Decken ausgelegt, sind bieten Schutz vor Verletzungen bei Stürzen.

Das allerwichtigste für einen gehandicapten Wellensittich ist der Kontakt mit seinen Artgenossen. Wie wir wissen, sind Wellensittiche Schwarmtiere und dieses Bedürfnis wird durch körperliche Einschränkungen nicht gemindert. Es ist sogar essenziell für die Vögel, denn der Kontakt zu Artgenossen trägt zum einem zum Wohlbefinden bei, als auch in einem hohen Maße zur Gesunderhaltung und Verbesserung einiger Behinderungen. Das Schwarmleben animiert zum Beispiel einen flugunfähigen Vogel sich zu bewegen, um an den täglichen Aktivitäten wie der Futtersuche oder dem Badevergnügen teilzuhaben. Ein appetitloser Vogel wird durch das Fressverhalten der Kollegen dazu angeregt auch Futter aufzunehmen oder sich von dem Partner füttern zu lassen.

Neben flugunfähigen Wellensittichen gibt es noch körperliche Einschränkungen wie amputierte/fehlende oder gelähmte Gliedmaßen, Missbildungen der verschiedensten Körperteile, Spreizbeinchen und Schnabeldefekte, um nur die häufigsten zu nennen.

von Janina

Im zweiten Teil erfahrt ihr mehr über Handicaps, die durch Erkrankungen ausgelöst werden.

Die schwerste Entscheidung

Slider_Wellensittich_Violetta
Dieser Blogbeitrag ist für alle Tierhalter, die vor der einen großen Entscheidung stehen: der Euthanasie. Der Beitrag hilft euch nicht, eine Entscheidung zu treffen, er beantwortet auch nicht, ob ihr richtig entschieden habt, er erteilt euch keine Absolution, er tilgt weder Schmerz noch Zweifel, aber er zeigt: Ihr seid nicht alleine!

Ist ein Tier unheilbar erkrankt, kommt früher oder später die Frage nach der Euthanasie auf. Das Wort Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so etwas wie schöner Tod. Viele Tierbesitzer nutzen auch Synonyme wie Einschläfern oder Erlösen. Aber was ist am Tod des geliebten Tieres schön? Je länger und schleichender der Krankheitsverlauf, desto eher quälen sich Tierhalter mit der Frage, nach dem ob und dem wann? Selten ist der Krankheitsverlauf eine linear fallende Gerade; der Gesundheitszustand ist mit seinen Höhen und Tiefen, den guten und schlechten Tagen eher eine Amplitude mit Abwärtstendenz, in der es schwer ist, den richtigen Augenblick des Loslassens zu finden.

Von Außenstehenden hört man als verzweifelter Halter oft nur den Spruch: „Dann erlöse das Tier doch oder willst du, dass es leidet?“. Selbst in Tier-Foren und -Gruppen scheint man sich einig zu sein: Die Euthanasie ist scheinbar immer das Mittel der Wahl und jeder Halter, der Zweifel an der Euthanasie hegt, wird als Tierquäler abgestempelt. Unzählige Male hörte und las ich den Satz schon: „Also, wenn ich Schmerzen hätte, dann würde ich auch davon erlöst werden wollen.“ Die Euthanasie? Ein Akt der Menschlichkeit?

Erst letzte Woche gehörte ich auch (wieder) zu denen, die diese wohl schwerste Entscheidung im Leben eines Tierhalters zu treffen hatten. Meine kleine Lieblingshenne, die zutrauliche Violetta, quälte vermutlich ein Nierentumor. Tagtäglich wog ich die Situation auf’s Neue ab, hinterfragte meine Entscheidungen, kaum, dass ich sie getroffen hatte. Wochenlang quälte mich die Frage, ob das, was ich tue richtig ist. Wenn die Euthanasie bei Tieren als einen Akt der Menschlichkeit dargestellt wird, warum ist Sterbehilfe dann nicht bei Menschen erlaubt? Hat das vielleicht auch einen Sinn, weil wir alle nur dieses eine Leben haben, was so wichtig ist, dass man es bis zum allerletzen Atemzug erhalten muss – notfalls auch gegen den Willen des Patienten? Würde ich nicht auch bis zum Schluß kämpfen, weil kein physischer Schmerz der Welt so viel Bedeutung haben kann, wie eine weitere Stunde mit meiner Familie? Bin ich egoistisch, wenn ich Violetti nicht einschläfern lasse? Leidet sie so sehr, dass ich ihr weiteres Leid nicht zumuten darf? Handele ich im Sinne meiner Tieres? Oder erlöse ich sie nur, damit ich meinen Seelenfrieden finde und nachts wieder durchschlafen kann? Ich googlete im Netz, las alle Artikel zu dem Thema, erkundigte mich bei anderen Wellensittichhaltern mit Tumorpatienten, durchforstete Berichte von Menschen mit Nierentumoren – alles mit dem Hintergrund herauszufinden, ob mein Tier Schmerzen leidet und um Antworten auf meine Fragen zu erhalten. So sehr ich auch suchte, nirgendswo stand: „Wencke, du hast die Entscheidung X zu treffen, denn dies ist das einzig Richtige!“

Alles begann am 21. Mai 2016, einem Samstag. Es war einer unserer „Schluffeltage“ – es standen keine Termine an, also verbrachte ich den größten Teil des Tages daheim. Die Wellensittiche spielten draußen und Violetta beschäftigte sich mit ihrem Lieblingsspielzeug. Bei dem Foragingspielzeug kann man durch anheben und wegdrehen von Deckeln kleine Felder öffnen, in den Hirse liegt. Sie hatte als erste den Trick herausgefunden und wann immer das Bird Toy auf dem Tisch stand, flitzte sie hin, um es in sekundenschnelle zu lösen. Icaro durchschaute zwar nicht das System, wusste aber, dass er nur abwarten musste, bis Violetta alle Dosen geöffnet hatte, um sie schließlich wegzuschubsen… So auch an diesem Tag. Bei den ersten Deckeln einigte man sich. Plötzlich quickte Violetti laut auf. Ich hatte dem Treiben nur aus dem Augenwinkel zugeschaut und konnte daher nicht sagen, ob sie gebissen worden ist oder sich vertreten hat beim Ausweichen vor dem schnappenden Icaro. Auf jeden Fall entlastete sie das Füßchen. Da sich Wellensittiche grundsätzlich immer erst Samstagmittag nach Schließung der Notfallsprechstunde verletzen, entschloss ich mich, erst einmal abzuwarten.

Am Montag entlastete Violetta immer noch leicht, also ging ich mit ihr zu unserer Vogelpraxis. Dort konnte nichts auffälliges festgestellt werden, außer eine leichte Rötung an einer Zehe. Mit einem Schmerzmittel, so hofften wir, würde es sich im Falle einer Zerrung sicher bald geben. In der darauffolgenden Woche war ich wieder in der Sprechstunde: Ich wollte ein Röntgenbild, da Violetta ihren rechten Ständer immer mehr entlastete. Auch der Greifreflex ließ nach. In den folgenden acht Wochen wurden wir zu Stammkunden. Schmerzmittel, Antibiotikum und Cortison brachten keinen Erfolg. Die Muskulatur baute sich rasant ab und Violetti humpelte nur noch auf einem Bein durch das Zimmer und ihre Ruhezeiten wurden immer länger. Es wurde ein weiteres Röntgenbild angefertigt, als sich der Verdacht auf einen Nierentumor verdichtete. Aber nichts lieferte ein eindeutiges Ergebnis.

Am 4. Juli 2016 sagte man mir, dass ich mich mit der Tatsache abfinden müsse, dass Violetta „austherapiert“ sei. Die Medikamente wurden abgesetzt und es kam zu einer leichten Verbesserung, da die Verdauung nicht mehr weiter belastet wurde. Ich wusste dennoch, was dies bedeutete… Und trotzdem wäre ich nicht ich, wenn ich es in der darauffolgenden Woche nicht noch einmal probiert hätte. Violetta schlief inzwischen vermehrt auch tagsüber und suchte sie das Sitzbrettchen dazu auf, um ihren gesunden Ständer zu schonen. Außerdem fühlte ich mich zunehmens unter Druck gesetzt: Am 15. Juli, so wusste ich, würde die Vogelpraxis für zwei Wochen schließen.

Als ich also am 11. Juli die Praxis aufsuchte, rechnete ich damit, dass die Tierärztin mich nicht wieder mit Violetti ziehen lassen würde. Violetti und ich schauspielerten was das Zeug hielt; den erfahrenen Augen meiner Tierärztin entging es natürlich nicht. Ich äußerte ehrlich, dass ich mich wegen der Sommerpause unter Druck gesetzt fühlte und ich Violetta an diesem Tag nicht hätte gehen lassen wollen, da sie noch alleine fraß, mit den anderen auf der Schlafschaukel saß, kurze Strecken flog und ihr Partner sich sehr liebevoll um sie kümmerte. Die Tierärztin bot mir an, dass ich, wenn es an der Zeit ist, mich melden könnte, da sie in Berlin ist. Mir fiehl ein Stein vom Herzen. Es war das letzte Mal, dass ich mit Violetti die Praxis lebendig verlassen konnte.

Ich wusste, dass jeder Tag mit meiner zahmen Henne kostbar war und tat alles, damit sie es die restlichen Tage noch so schön wie möglich hatte. Der Gesundheitszustand verschlechterte sich aber zunehmens und auch in der Nacht flatterte Violetti meistens zwischen 2 und 3 Uhr auf den Volierenboden. Ich stand jedesmal vor Schreck senkrecht im Bett und rannte zum Käfig. Täglich wuchs in mir der Zweifel – ich merkte, dass Violettas Ende kurz bevorstand. Am Sonntagabend schrieb ich die Tierärztin an und erkundigte mich nach dem, was unausweichlich war. Am Montagfrüh erhielt ich eine Antwort mit dem Mittwoch als Terminvorschlag. Ich rang mit mir… sollte ich den Termin wahrnehmen? Ich durchlebte eine Achterbahn der Gefühle. Ich war bereits dreimal dabei, als Wellensittichen von mir durch einen unbemerkten Rückfall an Trichomonaden die Atmung versagte, durch Niereninsuffizienz die Organe innerlich bluteten und durch Krampfanfälle der Erstickungstod folgte. All dies geschah jeweils unerwartet, aber diesmal hatte ich es in der Hand, meiner geliebten Violetta solch ein schreckliches Ende zu ersparen. Am Folgetag saß ich abends mit Violetti in der Hand mit meinem Freund zusammen. Die Kleine verputzte eine  halbe Kolbenhirse und flog dann durch das Zimmer zu ihrem Partner, um sich ausgiebig kraulen zu lassen. Nach einem langen Gespräch entschlossen wir, dass wir Violetta nicht am nächsten Tag erlösen lassen wollen. Mein Freund war in Rufbereitschaft und sicherte mir zu, dass er jederzeit zu der nur wenige Autominuten entfernt liegende 24-h-Tierklinik fahren würde, wenn es so weit wäre.

Ich weiß nicht genau, was mich am nächsten Vormittag dazu bewegte, den Termin allerschwersten Herzens doch anzunehmen. Ich durfte an diesem Tag Überstunden abbummeln und war bereits Mittags wieder Daheim. Violetti saß teilnahmslos und schlafend in einer Käfigecke, das Frühstück war unangestastet. Das tägliche Wiegen hatte ich mir schon Wochen zuvor angewöhnt. An diesem Tag war ein erheblicher Gewichtsverlust festzustellen. Sie hatte die „magische Grenze“, die ich mir gesetzt hatte, unterschritten. Als ich mich noch eine Stunde mit ihr auf das Sofa gesetzt hatte, um mich zu verabschieden, begann sie zu würgen und spuckte Körner und Schleim. Der kleine Körper zitterte unter der Anstrengung. Ich betete, dass wir es noch rechtzeitig in die Praxis schaffen würden.

Ich weiß nicht, ob es an diesem Morgen Intuition war oder Glück… oder ob mir Violetti diese schwere Entscheidung erleichtern wollte. In der Praxis kuschelte sie sich wie gewohnt in meine Hände und blinzelte mich nochmal an, als eine Träne ihren Flügel traf. Die Ärztin nahm sie nur ganz kurz hoch, tastete Violetti zur Kontrolle ab, bestätige mir, dass es die richtige Entscheidung sei und setzte dann die Spritze, bevor sie mir Violetti wieder zurück in die Hand setzte.

Das kleine Federknäul kuschelte sich wieder in meine warme Hand und schloss die Äuglein. Eine Weile noch fühlte ich das Herzchen schlagen, bevor es für immer aufhörte…

Bild_Wellensittich_Violetta

Carpe Diem

Wellensittich-Küki-Slider

Carpe Diem – eine bekannte lateinische Sentenz, die dazu aufruft, jeden einzelnen Tag zu genießen, denn nichts ist so vergänglich und unwiederbringlich wie verstrichene Zeit. Als langjähige Besitzerin von mehreren Wellensittichen erlebt man viel Schönes und Lustiges, aber auch viel Leid und leider auch Abschiede. Dies ist die viel zu kurze Lebensgeschichte von dem Küken Pulcina.

Die schönsten Geschichten schreibt der Zufall. So habe ich vor zweieinhalb Wochen beim letzten Tierarztbesuch mit Violetti am Schwarzen Brett einen Aushang gesehen, auf der die Madeira II in Grau – also genau mein Käfig-Modell und nur 6 Monate benutzt – für einen Spottpreis angeboten worden ist. Klar, dass ich da gleich zugeschlagen wollte bei so vielen kranken Wellensittichen in letzter Zeit. Ich kann es durch meinen Krankenhausaufenthalt vor einem Jahr nur zu gut verstehen, was es heißt, wenn man krank ist und dann nicht mal seine gewohnte Umgebung hat. So geht es sicher auch meinen Wellensittichen, wenn sie im alten, kleinen Quarantänekäfig auf ihre Genesung warten müssen. Daher hielt ich schon seit Längerem die Augen nach einer zweiten Madeira II als Quarantänekäfig offen.

Am Samstag vor genau zwei Wochen, war es dann so weit: Die Verkäuferin nannte mir einen Treffpunkt auf dem Hof eines mit ihr befreundeten Papageien-Halters außerhalb von Berlin. Beim Abholen der Voliere haben mein Freund und ich dann festgestellt, dass es sich um einen Züchter handelt, der auch Wellensittiche verkauft. Schon beim ersten Blick in eine seiner Volieren sah ich, dass da unten auf dem Boden etwas durch den Kot kroch, was im ersten Augenblick nach einem Küken mit Behinderung oder PBFD aussah. Der Züchter meinte nur entschuldigend, dass ich mich nicht daran stören sollte, er ist einfach noch nicht dazu gekommen „es tot zu machen“. Ich spürte nur den eisigen Blick meines Freundes in meinem Rücken, der ganz klar „Nein!“ bedeutete, und wir gingen hinaus, um die Voliere zu demontieren. Nach einer kurzen, aber erfolglosen Diskussion unter vier Augen sind wir dann wieder Richtung Berlin gefahren. Kurz vor Berlin nahm mein Freund laut fluchtend die Ausfahrt in die entgegengesetzte Richtung und fuhr zurück zum Züchter. Der Herr war ziemlich überrascht, dass ich das kranke Küken haben wollte und schenkte es mir mit den mitleidigen Worten: „Ich kann Ihnen aber auch einen anderen geben, einen gesunden!“ Als ich ihm dann sagte, dass ich am Montag gleich zum Tierarzt gehe, meinte er noch, dass „wenn der nichts ist, dann kann ich den auch umtauschen“… wahrscheinlich sehr nett gemeint von dem Züchter, aber das Küken hätte keinen Tag länger überlebt, da es komplett abgemagert und dehydriert war. Eine liebe Bekannte aus der Welli.net-Gruppe, die sich ehrenamtlich und auf eigene Rechnung um Notfälle kümmert und diese nach der Genesung in gute Zuhause vermittelt, ist gleich vorbeigekommen und hat mir Handaufzuchtsfutter mitgebracht. Die erste Portion ist von dem Küki sofort verschlungen worden!

Am Montag war ich gleich beim vogelkundigen Tierarzt und bin erleichtert gewesen, dass anhand der Kotprobe und des Kropfabstriches nichts Auffälliges gefunden werden konnte. Der einzige Markel waren die verkrüppelten Füßchen, aber das Küken kam damit gut zurecht. Vier Tage lang habe ich das Küki mehrmals täglich mit der Pipette gefüttert. Ich hatte die kleine Henne, die wir Pulcina (italienisch für Küken) getauft haben, auch auf der Arbeit dabei. Ganz artig hat sie von Fütterung auf Fütterung in ihrer Transportbox gesessen und leise gewartet. Am Ende des vierten Tages war sie so fit und munter, dass sie nicht nur alleine fressen und trinken konnte, sondern sogar ihre ersten Flugversuche durch das Vogelzimmer unternommen hat. Ich war stolz wie Bolle! Ich hatte noch nie zuvor ein Küken per Hand gefüttert und es war eine anstrengende, aber wunderschöne Erfahrung. Wer nicht genau weiß, was ich mit anstrengend meine: So ein Küken muss mindestens 4x täglich gefüttert werden – und pro Fütterung sitzt man rund 1,5 Stunden! 😀

Meine Freude teilte ich auch auf meiner Facebook-Seite Wellensittiche Blog & Videos sowie in der Gruppe Wellensittiche -Senioren&Handicaps-. In dieser Gruppe finden Halter von älteren, chronisch kranken und behinderten Wellensittichen Rat, Hilfe und Beistand. Die Resonanzen waren überwältigend: Anscheinend hatte Küki nicht nur mich mit ihren süßen Kopfäuglein in ihren Bann gezogen!

Die erste Woche verging mit Küki wie im Flug. Durch die anstehenden Klausuren hatte ich mit drei Urlaubstagen mein Wochenende verlängert, so dass ich nicht nur intensiv lernen, sondern auch die Zeit mit Küki, Violetti und den anderen Wellis genießen konnte. Da sich Violettas Zustand nicht bessert, widme ich ihr und den anderen in den letzten Wochen ganz bewusst meine wenige Zeit, die mir neben Arbeit und Studium bleibt. Man weiß nie, wie viele gemeinsame Stunden uns noch bleiben.

Pulcina-Küki war zwar tagsüber, wenn ich arbeiten war, in der baugleichen Quarantänevoliere untergebracht, aber nachmittags und abends hüpfte sie mit den anderen durch das Zimmer. Pulcina flog bereits nach wenigen Tagen wie eine „Große“ durch den Raum, landete immer sanft auf der Voliere und erkundete schon ihr baldiges Zuhause. Trotz der küppligen Zehen konnte sie klettern und sich sicher auf den Stangen, Zweigen und Seilen halten. Die letzten drei Nächte schlief sie sogar schon in den Schlafringen bei den anderen Wellensittichen.

Heute Morgen jubilierte ich innerlich, denn ich hatte vor zwei Wochen nicht daran geglaubt, dass das Küki überlebt. Nun saß sie da, sortierte Rindenstückchen von CHIPSI aus einem großen Untersetzer, fraß mit den anderen aus den selben Näpfen oder flog mit ihnen durch den Raum. Zum Mittagessen kam mein Freund bei uns vorbei. Wir kuschelten und spielten mit dem kleinen, frechen Küki, bis es keine Lust mehr hatte und zu den anderen zurückflog. Bis auf das Wetter war der Tag perfekt!

Nach dem Mittagessen rief mein Freund plötzlich: „Schau mal – Violetti!“. Ich rannte sofort zur Voliere: mein kleiner Spatzi lag mit geschlossenen Augen halb auf der Seite auf dem Sitzbrettchen. Mit blieb fast das Herz stehen! Seit Wochen kämpfen wir mit allen medizinischen Mitteln um ihr Leben und ich hatte das Gefühl, dass sie noch Lebensqualität besitzt, so wie sie den Abend zuvor Möhrchen und Gurke geschreddert hatte. Mir schoßen die Tränen in die Augen. Ich bat mein Freund, das Fenster zu schließen, da wir kurz gelüftet hatten, und öffnete die Tür des Käfigs. Wie von der Tarantel gestochen, schoss Violetta von ihrem Sitzbrettchen hoch, wechselte auf ihre Lieblingsschaukel und fing an sich zu putzen. Uns fiel ein Stein vom Herzen! Fehlalarm! Alles gut, Violetti lebt! Volierentür geschlossen, jetzt kann das Fenster wieder auf und wir beginnen das Geschirr abzuräumen. Auf einmal hörte ich einen ungewohnten fiependen Laut…

Um kurz vor 14 Uhr bekam Küken Pulcina völlig unerwartet und ohne vorherige Anzeichen einen kurzen, aber heftigen Krampfanfall. Ich habe sie aus dem Käfig genommen, meinem Freund in die Hand gelegt, um ihre verkrampften Füßchen und zitternden Flügelchen zu massieren und parallel die Tierärztin anzurufen. Noch bevor es ein Freizeichen gab, entspannten sich alle Muskeln und Küki schlief ruhig in der warmen Hand meines Freundes ein…

Da mein Freund zur Arbeit musste, wandte ich mich an seinen Vater. Er hatte mir schon vor zwei Jahren, als Piumina und Antonella verstorben sind, angeboten, meine Tiere auf seinem Grundstück zu begraben. Damals hatte ich abgelehnt, da ich meine beiden Hennen so beerdigen konnte, dass ich die Stelle vom Balkon meiner jetzigen Wohnung aus sehen kann. Da mein Freund und ich aber derzeit nach einem „größeren Wellizimmer“ Ausschau halten und ich die Gegend sicher bald verlassen werde, kam ich auf das Angebot zurück. Der Vater meines Freundes, selber Tierhalter, kam sofort vorbei, holte Küki und mich ab und suchte in seinem Garten den wohl schönsten Platz für ein kleines Grab aus: eine Efeubedeckte Stelle zwischen einem großen Flieder und einer wunderschönen Rosenhecke. Im Nieselregen beerdigten wir Küken Pulcina.

Auf dem Rückweg dachte ich über die Phrase „Happy End“ nach. Irgendwie ist es das… ein Ende, aber ein glückliches. Eigentlich sollte es heute ein schöner Beitrag werden anlässlich der zweiten Woche nach ihrem Einzug. Ich bin sehr traurig, dass Pulcina nicht mehr da ist und gleichzeitig bin ich glücklich, dass wir vor zwei Wochen auf halber Strecke kehrt gemacht haben, um sie zu holen. Wir haben alles getan, um ihr die schönsten zwei Wochen ihres Lebens zu bereiten.

Es gab auf Facebook viele liebe und tröstende Kommentare auf die Nachricht über Pulcinas Tod. Ein Mitglied der Gruppe Wellensittiche -Senioren&Handicaps formulierte es besonders schön:

Wisst ihr, manchmal kämpft man und versucht alles, um auch den Zwergen mit schlimmen Startschwierigkeiten ein Leben zu ermöglichen, und dann ist ihnen dennoch keine lange Zeit vergönnt – das erscheint einem einfach verdammt unfair. :'( Aber gleichzeitig finde ich es immer tröstend zu wissen, dass diese Würmchen noch einmal Liebe, Fürsorge und ein richtiges Leben haben durften – da zählt nicht die gelebte Zeit, sondern wie diese Zeit war. Kükie hatte das Glück, dass ihr ihr diese Chance gabt und sie hat sie genutzt. Es war zwar nicht lange, aber immerhin durfte sie noch einmal wissen, wie man sich als Welli fühlen sollte und wie Federlose auch sein können. […]

Zuhause angekommen, habe ich die Quarantänevoliere leergeräumt, das kleine Küki-Häuschen geputzt und auch die andere Voliere nochmals gereinigt, da ich den Anblick der Rindenstückchen nicht ertragen konnte, die Küki noch vor wenigen Stunden durch die Gegend geworfen hatte. Auf dem Weg zum Müllhäuschen brach die Wolkendecke auf und die Sonnenstrahlen verwandelten die Regentröpfchen auf den Grashalmen der Wiese und den Blättern der Bäume und Sträucher in Abermillonen kleiner, glitzernder Diamanten. Ich blieb stehen und atmete tief in meine vor Tränen und Trauer schmerzenden Nebenhöhlen ein. Im Beutel zwischen dem Einstreu entdeckte ich eine winzige grüne Feder. Ich nahm den kleinen, letzten Gruß von Pulcina und legte mir das Federchen in den geöffneten Handballen. Sie leuchtete Smaragdgrün und funkelte im Abendlicht. Ein aufkommender Windstoß bließ mir die kleine Feder aus der Hand und trug sie fort. Ich wollte ihr erst nach, verharrte dann aber in der Bewegung… manchmal muss man auch loslassen können.

Lebewohl kleines Küki, wir werden deine süßen Knopfaugen und dein kleines Kämpferherz niemals vergessen! <3 Grüße bitte Pepita, Mäxchen, Piumina und Antonella im Hirseland von uns!