Typische Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen

… und warum sie nicht stimmen! Aus eigener Erfahrung kenne ich die fünf typischen Vorurteile gegenüber Abgabevögeln. Im folgenden Blogbeitrag schreibe ich über ein persönliches  Herzensthema, setze ich mich mit den häufigsten Argumenten auseinander und hoffe, auf diese Weise den einen oder anderen zum Umdenken bewegen zu können.

Nobody is perfect – auch ich hatte bis vor zwei Jahren keine „second hand“-Wellensittiche. Das war keine böse Absicht, sondern passte einfach altersmäßig nicht. Ich wollte außerdem gesunde Tiere, die lange (bei mir) leben und zudem wusste ich auch nicht genau, an wen ich mich hätte wenden können. Ihr merkt es sicher schon: Ich wäre damals die wohl beste Adressatin meines heutigen Blogbeitrages gewesen! 😉

Kurzer Rückblick: Mitte November 2013 zogen nach einigen Jahren „wellifreier“ Zeit Briciolino und Piumina aus einem Zoogeschäft bei mir ein. Nach dem Eingangscheck stand leider fest, dass die junge Henne starken Trichomonadenbefall hatte, an dem sie trotz Behandlung leider im Januar 2014 verstarb. Zu spät nahm ich die Warnung anderer Wellensittichbesitzer ernst, keine Tiere im Zoohandel zu kaufen, um das Leid nicht noch finanziell zu unterstützen!

Da Wellensittiche, wie andere Vögel auch, nicht einzeln gehalten werden dürfen, kaufte ich wieder eine junge Henne – diesmal aber beim Züchter in der Nähe. Die Zuchtanlage durfte ich mir zwar nicht anschauen, angeblich um die brütenden Tiere nicht zu stören, aber ich vertraute auf die guten Feedbacks im Internet. Das auch Chiocciolina gesundheitlich stark eingeschränkt ist und bis heute eine Dauermedikation braucht, merkte ich erst beim Eingangscheck. Klar, das kann auch dem besten Züchter passieren, dachte ich und glaubte an eine Ausnahme. Im August 2014 wollte ich von zwei auf vier Wellensittiche aufstocken und kaufte wieder bei dem Züchter. Bereits im Laden hatte ich ein komischen Gefühl: Die Zuchtanlage durfte ich wieder nicht sehen, das angebotene Tier schien jünger zu sein als angegeben und trotz der Einschätzung des Züchters, es handle sich um einen Hahn, nannte ich die Kleine Antonella – zurecht, wie die Obduktion ergab, denn nach 10 Tagen verstarb die junge Henne überraschend. Grund war ein multiples Organversagen ausgehend von den Nieren. Recherchen ergaben: Im Schwarm des Züchters lebten und vermehrten sich – wohl wissend – Tiere mit PBFD (verständlich erklärt auf birds-online.de: Psittacine Beak and Feather Disease) und ich war bei Weitem nicht die einzige Kundin, die kranke, bzw. nach kurzer Zeit verstorbene Jungvögel gekauft hatte!

Sehr bestürzt über die beiden Verluste innerhalb eines halben Jahres stand ich vor der Wahl: entweder den Wunsch nach zwei weiteren Schwarmmitgliedern zurückstellen und riskieren, dass beim plötzlichen Tod einer meiner beiden Wellis wieder einer alleine zurückbleibt oder… oder es wagen, Abgabewellensittichen eine Chance auf ein (halbwegs) gutes Leben bei mir zu geben. Ich war an einem Punkt angelangt, wo es eh nicht hätte schlimmer werden können! Denn eines hatte ich gelernt: Zoohandel und Züchter, egal wie gut oder schlecht, sind auch keine Garantie für gesunde Tiere.

Ich möchte weder Zoohandel noch Züchter unter Generalverdacht stellen, aber ich hoffe, dass ich mit meinen Erlebnissen bei dir, liebe Leserin oder lieber Leser, drei Dinge erreichen konnte:

  1. Lass dir kein Tier aufquatschen, mache dir ein Bild von der Zuchtanlage und den Elterntieren, höre auf dein Bauchgefühl und unterstütze keine tierquälerischen Zuchtanlagen durch Mitleidskäufe.
  2. Nimm den Eingangscheck ernst und gebe dafür lieber gleich am Anfang 30-60 Euro beim vogelkundigen Tierarzt aus, anstatt für mehrere 100 Euro alle deine Tiere behandeln zu müssen.
  3. Gib Abgabetieren ein Chance! Dass die gängigsten Vorurteile nicht stimmen, erfährst du weiter unten.

Die fünf typischen Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen:

1. Wellensittiche aus zweiter Hand sind immer krank!
Falsch! Wellensittiche aus zweiter Hand werden mit den unterschiedlichsten Begründungen abgegeben, seltenst aber, weil sie Krankheiten haben. Dennoch sollte man grundsätzlich bei Neuzugängen niemals auf den Eingangscheck beim vogelkundigen (!) Tierarzt verzichten, auch wenn man von den Vorbesitzern zu hören bekommt, das Tier sei gesund!

2. Wellensittiche aus Abgaben sind immer alt und leben nicht mehr lange!
Falsch! Da Wellensittiche im Anschaffungspreis sehr günstig zu erwerben sind, gibt es leider sehr viele Menschen, die sich unüberlegt und spontan ein Haustier kaufen, ohne sich der jahrelangen Verantwortung, die ein Tier mit sich bringt, bewusst zu sein. Daheim entpuppen sich die neuen Familienmitglieder als scheu dem ungeduldigen Menschen gegenüber, sind laut und wirbeln jede Menge Federn, Kot und Körner durch die Wohnstube. Ein anderer „Klassiker“ sind ungewollte Zuchten durch Anbieten eines Nistkastens. Auch scheinen einige Eltern machmal zu vergessen, dass Tiere kein adäquates Spielzeug für Kinder sind. Diese Tiere landen in der Regel bereits ein paar Wochen nach dem Kauf im Tierheim oder werden bei ebay Kleinanzeigen verscherbelt. Natürlich gibt es auch traurige Abgabefälle, zum Bespiel, weil sich Menschen wegen gesundheitlicher Probleme von ihren Lieblingen trennen müssen oder weil der Halter verstorben ist. Abgabewellensittiche gibt es daher in allen Altersklassen: von ganz jung bis hin zum Senior! Am besten wählst du ein Tier, dass vom Alter her zu deinem bestehenden Schwarm passt.

3. Wellensittiche aus zweiter Hand werden nicht mehr zahm!
Falsch! Die Zutraulichkeit eines Wellensittichs liegt nicht am Alter, sondern am Halter… und an seinem Charakter. In meinem Videotutorial „Wellensittiche zähmen in fünf Schritten“ siehst du meinen Icaro, einen älteren Abgabevogel, der innerhalb weniger Wochen mit Ruhe und Geduld kleine Tricks und Übungen gelernt hat und mir jetzt regelmäßig „die Haare schön“ macht, wenn er auf meinem Kopf rumhüpft. Außerdem verlieren Wellensittichbabies nach der Jungmauser ihre „Kükenzahmheit“ und sind in jungen Jahren in der Regel viel ungeduldiger, wilder und beim Training weniger konzentriert als ältere Tiere.

4. Bei Abgabewellensittichen weiß man nicht, wo sie herkommen!
Falsch! Wer seinen Wellensittich aus privater Hand übernimmt, sieht sehr wohl, wie das Tier bisher gelebt hat, wie das Verhältnis zum vorherigen Halter war und was die Abgabegründe sind. Bei Tieren aus dem Zoohandel ist das nicht möglich. Wie das ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ und  DER SPIEGEL im April 2015 recherchierten, kommen die meisten Tiere für Zooländen aus dem Ausland, wo sie massenweise zu kommerziellen Zwecken unter schrecklichen Bedingungen vermehrt werden. Natürlich kann auch ein unüberlegt angeschaffter Abgabevogel unter solchen Verhältnissen geschlüpft sein, aber durch die Zeit beim Vorbesitzer bekommt man in der Regel mehr Informationen über das Tier und eventuelle Krankheiten als im Zoohandel oder beim Züchter.

5. Abgabewellensittiche gibt es nur im Tierheim!
Falsch! Die Ausrede, dass man ja gerne einem Abgabetier eine Chance geben würde, das nächste Tierheim allerdingst zu weit weg läge, gilt seit der Erfindung des Internets nicht mehr! Täglich wird ebay Kleinanzeigen deutschlandweit mit neuen Anzeigen geflutet – ein Blick lohnt sich daher immer! Des Weiteren gibt es Vermittlungsforen, über die man per Schutzvertrag Wellensittiche bekommen kann. Als Beispiel seien hier die Seiten www.welli.net (Forum für private Wellensittichhalter) und www.vwfd.de (Verein der Wellensittich-Freunde Deuschland e. V.) aufgeführt. Wer in der Nähe eines Tierheims wohnt, kann selbstverständlich auch dort nach Abgabewellensittichen fragen. Der Vorteil bei guten Tierheimen ist, dass die Tiere oft schon tierärztlich untersucht worden sind und daher Angaben zu eventuellen (chronischen) Krankheiten vorliegen.

Last, but not least gibt es deutschlandweit viele private Pflegestellen von engagierten Papageienhaltern, die ehrenamtlich und auf eigene Kosten Tiere in Not aufnehmen, Eingangschecks sponsorn und Mitfahrgelegenheiten organisieren, um Abgabetieren eine zweite Chance in einem besseren Haushalt zu ermöglichen. An dieser Stelle vielen, vielen Dank an alle, die sich für Abgabetiere aller Art engagieren, die ihre Zeit opfern, denen kein Weg zu weit ist und keine Kosten zu hoch sind!

HINWEIS: Wer Vermittlungswellensittichen helfen will, selber aber keine Tiere aufnehmen möchte, kann zum Beispiel den Verein der Wellensittich-Freunde Deutschlands (VWFD) e. V. beim Shoppen auf amazon & Co. ohne zusätzliche Kosten ganz nebenbei unterstützen. Besucht dazu die Partnerseiten, wie zum Beispiel amazon, über die angegebenen Links und die Partnerorganisationen überweisen pro Bestellung einen Betrag auf das VWFD-Konto. Die Rechnung wird dadurch nicht höher! Setzt daher einfach ein Browser-Lesezeichen auf diese Seite und besucht die VWFD-Partner nur noch über diese Links. Mehr Informationen zu den Spenden erhaltet ihr beim VWFD e. V.


NEU: Wir sind jetzt auch auf Facebook unter: https://www.facebook.com/wellensittiche.blog.videos/ und über folgende Domain zu erreichen: www.wellensittiche-blog.de

Tierhaltung heißt Verantwortung

Tiere haben einen sechsten Sinn, wenn man einen Tierarztbesuch plant. Moment – ich spezifiziere! Während die Jungs aufgrund mangelnder Sensibilität nichts checken, riechen die Mädels schon Tage vorher die Lunte: Chiocciolina tritt in den Hungerstreik, Antonia kriegt nervöse Angstzustände, Violetta bekommt Durchfall… und ich zeige alle drei Symptome!

Die Tage werden länger, draußen grünt und blüht es und eigentlich müsste ich beim Anblick meiner Balkondeko richtig gute Laune haben – eigentlich! Denn immer, wenn man glaubt, jetzt sind alle Wehwehchen ausgestanden, kommt es noch schlimmer. Das sind die Momente, vor denen sich jeder Tierbesitzer fürchtet: Erst ist es nur ein leiser Verdacht, eine kleine Verhaltensveränderung, die einem auffällt, dann gibt das Röntgenbild die traurige Gewissheit: Briciolino hat einen inoperablen Tumor!

Nur wenige Tage zuvor unterhielt ich mich mit Bekannten auf einem Papageienstammtisch über Wellensittiche und meinte noch, dass alle meine Tierchen irgendein Leiden hätten, nur mein kleiner „Zooladen-Hahn“ nicht, obwohl man gerade dort am ehesten eine profitorientierte Zucht unterstellen könnte. Wie es das Schicksal will, fiel mir ein paar Tage später bei Briciolino auf, dass seine Zehen am linken Ständer nicht mehr richtig zugriffen und taub zu sein schienen. Zwar hätte es auch eine Überdehnung oder Verletzung der Bänder sein können, da der Kleine zu diesem Zeitpunkt an diesem Fuß noch beringt war, aber mein Instinkt sagte mir etwas anderes. Es ließ mir keine Ruhe und so motivierte ich in meiner Mittagspause meinen Freund kurzerhand zu einem „Familienausflug“. Da wir eh einen halbjährlichen Check mit Krallenschneiden und Verlaufskontrollen bei Chiocciolina und Violetta planten, wollten wir bei der Gelegenheit nicht nur Briciolino, sondern gleich alle Wellis mit zu unserer Tierärztin nehmen.

Mein perfider Plan war folgender: Mein Freund sollte nicht nur den Transportkäfig vorbereiten, sondern auch alle sechs Wellensittiche einfangen, somit für alle Ewigkeit bei ihnen verkacken und ich komme nach der Arbeit ganz entspannt nach Hause, solidarisiere mich mit meinen armen Tierchen, befreie sie nach dem Tierarztbesuch aus ihrem Elend, spendiere Einmal Hirse für alle! und lasse mich als Heldin feiern!

Ich mach’s nicht spannend: FEHLANZEIGE! Der Chatverlauf mit meinem Liebsten sagt wohl alles…
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…und ihr könnt euch denken, wer mal wieder die Böse sein musste! Beim Tierarzt angekommen, machte ich mich auch da unbeliebt – aber was hatte ich erwartet, so kurz vor dem Ende der Sprechzeit mit sechs Wellensittichen?

Bei Briciolino wurde erstmal der Ring abgenommen und auf Verdacht auf Nierenentzündung behandelt. Eine Woche später wurde dann das Röntgenbild von meinem kleinen Schreihals angefertigt und brachte die traurige Bestätigung: er hat einen Hodentumor. Die Chefin riet mir von einer OP ab, da sich an dieser Stelle eines der Hauptadern befindet und die Überlebenschancen bei nur 20 % liegen. Sie empfahl mir unter Vollnarkose einen Hormonchip setzen zu lassen. Briciolino wurde noch am selben Abend operiert und konnte am Folgetag abgeholt werden. Bis Mittwoch macht der lebhafte Wellensittichhahn noch im Quarantänekäfig den Kolibri und muss sein Baytril trinken, dann darf er wieder zu den anderen. Der Chip muss, wenn er gut anschlägt und das Tumorwachstum stoppt, alle 8-10 Monate ausgetauscht werden.

Seit September war ich in wechselnder Begleitung mindestens einmal im Monat in der Vogelpraxis. Daher ist es mir eine Herzensangelegenheit euch nochmal darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich über die häufigsten Krankheitssymptome bei Wellensittichen zu informieren, um RECHTZEITIG einen Tierarzt aufsuchen zu können. Auch möchte ich als Vogelpraxis-Premium-Platin-Kundin darauf hinweisen, dass die Tierhaltung – egal ob Hund, Katze oder eben Wellensittich – ein sehr teures Hobby ist. Bitte überlegt es euch daher vor der Anschaffung, ob ihr in der Lage seid, mehrere 100 Euro im Jahr an Behandlungskosten zu tragen. Tierhaltung heißt Verantwortung! Und die Verantwortung fäng da an, wo der Spaß aufhört und die Tierhaltung Geld kostet!

An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Mutter und bei meinem Vater für die moralische Unterstützung, den Fahrservice und den finanziellen Support in 20 Jahren Wellensittichhaltung bedanken. Vielen, vielen Dank, Mama und Papa! Selbstverständlich gilt mein Dank auch meinem Freund, der weiß, wie wichtig mir meine Tiere sind, im Notfall immer für uns da ist, verstorbene Wellis würdevoll beerdigt, mich in solchen Situationen tröstet und einer Wohnung mit extragroßem und lichtdurchfluteten Wellensittichzimmer zustimmt! Danke an meinen kleinen Bruder, der eine verlässliche Urlaubsvertretung ist und der sich in meiner Abwesenheit gewissenhaft um meine Tiere kümmert. Einen großen Dank auch an das Team der Ziervogelpraxis von Frau Dr. Kling, die im Notfall auch außerhalb der Öffnungszeiten für ihre gefiederten und federlosen Kunden da sind.    

Wellensittiche zähmen leicht gemacht

Vor ein paar Wochen habe ich nach langer Zeit mal wieder einen Kinderfilm gesehen: „Drachenzähmen leicht gemacht“. In der Geschichte geht es darum, dass ein kleiner Junge einen Drachen findet und mit viel Geduld sein Vertrauen gewinnt.

Kaum ein Thema wird in Wellensittich-Foren so kontrovers diskutiert wie das Zähmen von Wellensittichen. Das ganze Spektrum an Meinungen ist dort vertreten: von „lasst die Tiere ganz und gar in Ruhe“ bis hin zum zwanghaften Vorzähmen in Einzelhaft. Wer hofft, dass sein Wellensittich – egal mit welcher Methode – anhänglich wie ein Hund wird, den muss ich nun leider enttäuschen, denn Wellensittiche sind Fluchttiere. Im Gegensatz Hunden oder Katzen, die klassische Beutegreifer sind, sichert der Fluchtinstinkt den kleinen Australiern in der Natur das Überleben. Aber nicht nur die Flucht, sondern auch der Schwarm bieten dem Vogel Sicherheit. Daher ist vom Vorzähmen in Einzelhaft dringend abzusehen! Ob ein Wellensittich zu seinem Halter Vertrauen fasst und auch mal „kuscheln“ kommt, hängt einzig und allein vom Charakter des einzelnen Tieres ab – da hilft auch Einzelhaltung nicht! Um gleich mit noch einem hartnäckigen Vorurteil aufzuräumen: das Alter des Tieres spielt keine Rolle.

Ich sehe es jeden Tag auf’s Neue in meinem Schwarm: Während Violetta, Filuzzo und Icaro (alles ältere Abgabewellis) schon nach wenigen Wochen zu mir kamen, brauche ich seit zwei Jahren bei Chiocciolina ohne Gurke, Hirse und Möhre erst gar nicht ankommen, dabei ist sie die Einzige, die ich habe, seit sie 7 oder 8 Wochen alt ist!

Zurück zum „Zähmen“: Per Definition des Dudens, bedeutet zähmen, einem Tier seine Wildheit zu nehmen. In Wikipedia heißt es darüber hinaus: „Zähmung bezeichnet die Anpassung des Verhaltens von Wildtieren an die Bedürfnisse des Menschen“. Wenn man sich in Wellensittich-Gruppen umhört, dann kommt man noch zu einer dritten Definition: „Ich möchte, dass sich mein Wellensittich wie ein Plüschtier verhält, mit dem ich kuscheln und spielen kann, wo und wann es mir gefällt“. Noch immer kaufen viele Eltern ihrem Nachwuchs einen Wellesittich, in dem Glauben, es sei ein kleiner lustiger Spielgefährte für das Kind. Nach ein paar Wochen findet man diese Tiere dann auf ebay Kleinanzeigen wieder – wenn sie Glück haben!

Warum also diese Überschrift? Ein rhetorischer Trick um die Neugierde zu schüren? Nein! Unter dem Aspekt der Beschäftigung und des Medical Trainings, also dem Trainieren für medizinische Behandlungen beim Tierarzt, ist gegen das „Zähmen“ aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Ich bin nach dem Bauchbruch von Violetta im Oktober 2015 von meiner vogelkundigen Tierärztin dazu aufgefordert worden, meine Tiere täglich „liebevoll zu scheuchen“ und regelmäßig zu wiegen, damit mein Hummelchen von ihren 67 g (!!!) runterkommt. Jedes Mal, wenn ich mit meinem Matheblock Richtung Gardinenstange winkte, hat sich Violetta vor Schreck von oben runterfallen lassen – irgendwie verständlich, meint ihr? Da der Deutschblock und das Italienischwörterbuch allerdings den gleichen Effekt hatten, musste ich mir eine stressfreiere Variante ausdenken und fing an, mit Violetta zu trainieren. Ich rufe, sie kommt und erhält eine Belohnung. Bei Violetta greife ich natürlich nicht zur Hirse, sondern belohne mit Gurke – die liebt sie auch und ist nicht so kalorienreich! Inzwischen kann ich sie von jeder Stelle des Zimmer aus heranrufen, ganz egal ob ich auf dem Boden sitze, auf dem Sofa stehe oder mich am anderen Ende des Zimmers befinde. Es dauerte nicht lange, da machte der ganze Schwarm mit und die 5-Minuten-Übung ist Teil unseres täglichen Rituals geworden. Selbst Antonia und Icaro, die beiden Neuen, flitzen durchs Zimmer, wenn ich rufe.

Damit euer Training nicht nur euch, sondern auch euren Flugsauriern Spaß macht, hier nun einige wichtige Regeln:

  1. Lasse deine Tiere niemals hungern, um damit schnelle Trainingserfolge zu erzwingen.
  2. Bedränge deine Wellensittiche nicht und achte auf ihre Körpersprache.
  3. Beachte Ruhezeiten.
  4. Respektiere den Käfig als Rückzugsort.
  5. Sei geduldig und übe lieber täglich 2-5 Minuten, anstatt deine Tiere mit langen Trainingseinheiten am Wochenende zu überfordern.
  6. Sei eindeutig in deiner Kommunikation.
  7. Variiere die Übungen und gestalte sie immer wieder interessant.
  8. Höre auf, wenn es am Schönsten ist.

In diesem Sinne: Film ab! 😉

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Chiocciolina wird 2 Jahre alt!

Ob man nun den Geburtstag seines Haustieres feiert oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich jedenfalls freue mich über jedes weitere Jahr, dass ich mit meinen Wellensittichen verbringen kann.

Heute vor zwei Jahren zog Chiocciolina bei uns ein. Der Grund ihres Einzuges war eigentlich kein schöner, denn sie „ersetzte“ die gerade erst verstorbene Piumina. Da Briciolino in einen Futterstreik getreten war, haben wir Chiocciolina quasi in einer Nacht und Nebel-Aktion gekauft. Wer dem Blog regelmäßig folgt, der weiß, dass die kleine Henne bereits von Anfang an mit periodischem Durchfall und Niereninsuffizienz zu kämpfen hat. Vor einigen Wochen haben wir beim vogelkundigen Tierarzt ein Röntgenbild anfertigen lassen und haben nun die traurige Gewissheit, dass nicht nur die Nieren, sondern auch Leber, Herz und Lunge nicht ganz in Ordnung sind. Die Dauermedikation mit Cactus/Crataegutt-Tropfen über das Trinkwasser scheint aber allen zu bekommen. Da es sich um ein unterstützendes Arzneimittel aus der Humanmedizin handelt, habe ich auch mal gekostet – ich glaube, es hätte die Wellis weitaus schlechter treffen können!

Zwar werden die Geburtstagsgäste, Sunny und Purzel, erst in drei Wochen kommen, dennoch gab es heute schon die Geburtstagtorte und Geschenke. Selbstverständlich durften auch die „wilden Nachbarn“ aus der Baumkrone gegenüber auf ein Körnchen vorbeikommen.

Hier noch ein kleines „Best of“ der Bilder von Chiocciolina.

 

Hiobsbotschaften

Bei einem Papageientreffen wurde fröhlich in die Runde gefragt, ob jeder denn dieses Jahr schon mal beim vogelkundigen Tierarzt für den Jahrescheck war. Ich zwang mich zu einem Lächeln – ist die Vogelpraxis in den letzten Monaten doch zu so etwas wie meinem zweiten Zuhause geworden.

Eigentlich wollte ich meine freie Woche nutzen, um den zweiten Teil meines Videos über Beschäftigungsmöglichkeiten für Wellensittiche zu erstellen. Doch dann kam alles anders… Anfang Oktober berichtete ich von dem Bauchbruch (Hernie) bei Violetta. Da sie in Folge der Behandlung testweise Hormone (Durateston) bekam, sollte ich acht Wochen später zur Nachkontrolle kommen. Violetta geht es inzwischen auch wieder besser – nur leider ist ihr Gewicht dank Briciolino wieder von 49,8 g auf 59,9 g angestiegen.

Da ich die nierenkranke Chiocciolina zur ‚Kralliküre‘ mitnehmen wollte, fing ich beide Mädels schon am Abend vorher ein. Klar – es wurde lautstark protestiert und klar – man war bockig. Während Violetti, die eh schon einen Groll auf die Krankenbox hegte, fröhlich anfing den Käfig zu zerlegen, trat Chiocciolina in den Hungerstreik und saß wie versteinert auf dem oberen Seil.

Am nächsten Morgen wurden wir herzlich begrüßt – man kennt sich schließlich schon! Im Behandlungsraum wurden beide Mädels untersucht und mir geraten, von Chiocciolina ein Röntgenbild machen zu lassen. Ich tigerte derweil nervös durchs Wartezimmer, während ich im Behandlungsraum erst die eine, dann die andere Henne brüllen hörte. Ich versuchte mich zu beruhigen: „Solange meine Mädchen brüllen können“, sagte ich mir, „sind sie noch unter den Lebenden.“

Das Röntgenbild hingegen war weniger komisch und mir verschlug es fast die Sprache: Meine kleine Schnecke hat ein vergrößertes Herz, eine vergrößerte Leber, Pilzbefall der Atemwege und eingefallene Luftsäcke – zusätzlich zu der Niereninsuffizienz. Die Prognose der Tierärztin, „Wundern Sie sich nicht, wenn die morgens mal tot im Käfig liegt“, war ein Schock für mich, obwohl ich mit solch einer Diagnose etwas schon gerechnet habe, seit mein Baby vor zwei Jahren zu mir gekommen ist.

Daheim angekommen ging der Horror weiter: Während Violetta wieder durch das Zimmer watscheln konnte (ja, watscheln – daher auch der Spitzname „kleine Ente“), setzte Chiocciolina ihren Hungerstreik im Quarantänekäfig fort. Da half es auch nicht, dass sich der Schwarm solidarisch auf dem Käfig niederließ, von dort im wahrsten Sinne des Wortes auf das Antibiotikum schiss, ich den Innenraum mit Kolbenhirse spickte und Violetti von außen versuchte, die Gitterstangen zu schreddern.

Am Folgetag entschied ich mich, Filuzzo zu der Patientin in den Käfig zu setzen. Zwar frisst die Kleine immer noch nicht, aber lässt sich wenigstens von ihrem Partner füttern und kraulen – immernoch auf dem oberen Seil sitzend, auf dem sie nun schon seit vier Tagen wie versteinert ausharrt. Wenn das so weitergeht, dann frag ich mich, wie das Triplo an Baytril, Itrafungol und Catus/Crataegutt in den Vogel kommen soll.

Um mich abzulenken, bastle ich etwas an dem Layout meiner Seite. Der Blog auf der Startseite ist nun viel übersichtlicher und es gibt mit Fotoarchiv einen neuen Reiter. Derweil ist hier der totale Wahnsinn ausgebrochen: Ich bin permanent damit beschäftigt Violetta davon abzuhalten die Lackierung des Krankenkäfigs und/oder des Montana Cages zu fressen, Icaro und Briciolino hopsen laut quickend auf dem Dach über Filuzzo hinweg (ja, ich weiß, echte Liebe gibt es nur unter Hähnen) und Antonia brüllt sich die Seele aus dem Leib, in der Hoffnung beachtet zu werden. Nur eine sitzt da und streikt schweigend: Chiocciolina!

 

 

 

 

 

Glücklich vereint!

Ganze zehn Tage haben wir um Violetti gebangt: nun ist sie glücklicherweise wieder fit und darf wieder zu den anderen!

Nachdem ich Violetta am 3. Oktober als Notfall zur Vogelpraxis gebracht habe, durfte ich sie am folgenden Montag abholen. Vor Ort wurde noch das Röntgenbild besprochen: glücklicherweise hat Violetta keinen Tumor, dafür aber einen Bauchbruch und komplett verkalkte Knochen. Man wollte mir nicht glauben, dass das kleine Pummelchen überhaupt fliegen kann! Zu dem Zeitpunkt brachte sie auch stolze 64 g auf die Waage.

Lass mich sofort raus!

Ich war froh, dass ich mein Plüschie wieder mit nach Hause nehmen durfte. Weniger froh war Violetti: Sie musste eine Woche lang einzeln sitzen, brav ihr Antibiotikum trinken und sich schonen. Gar nicht so einfach, wenn Briciolino den ganzen Tag über ihr auf dem Käfigdach rumhüpft und Randale macht.

Quarantänekäfige sind doof!

Vorgestern kam dann von der Tierärztin das Okay zu einer Wiederzusammenführung und ich war erleichtert… Apropo erleichtert: Violetta wog nach einer Woche ohne Zufütterung durch Briciolino (und durch den Stress natürlich) nur noch 49,6 g! Auch wenn das eine ganze Menge ist in einer so kurzen Zeit, hoffe ich, dass die Kleine das Gewicht halten und vielleicht noch etwas verringern kann. Beim Freiflug am Morgen merkte man den Unterschied deutlich: aus meinem plüschigen Pummelchen ist ein flitzendes Hummelchen geworden!

 

 

Angstneurose

Da war es schon wieder, dieses Wort: Angstneurose. Hatte ich es nicht erst vor zwei Wochen nach meiner OP gehört? „… Angstneurose, da muss man ‚was machen“, quatschte die Stimme der Tierarzthelferin in meinen Gedankengang, während wir das Behandlungszimmer betraten.

In ein paar Wochen bekommen wir wieder Urlaubsgäste, daher war klar, dass wir vor der Zusammenführung zum Kontrollcheck müssen. Violetta bestimmte den Tierarzttermin, der wie ein Damoklesschwert über der Voliere hing, selbst, indem sie sich im Vorhang eine Kralle bis zum Blutgefäß abbrach. Es hörte zwar glücklicherweise schnell auf zu bluten, aber da ich kein Desinfektionszeug zur Hand hatte, beschlossen wir kurzerhand am folgenden Morgen die Vogelpraxis aufzusuchen. Bei diesem Gadanken bekam ich gleich ein flaues Gefühl im Magen, hatte doch die letzte Einfangaktion damit geendet, dass mir Filuzzo im Kescher in Ohnmacht gefallen ist, Chiocciolina und Violetta hyperventilierten und Briciolino sich dem Tierarztbesuch durch ausbüxen entzog. Diesmal wollte ich es besser machen und stellte bereits am Vorabend den Transportkäfig mit Hirse bestückt neben die Voliere. Man kann nun über das männliche Geschlecht sagen, was man will – mutig, verfressen oder böse Zungen behaupten zuweilen auch etwas dümmlich – auf jeden Fall ersparten mir Filuzzo und Briciolino ein stressiges Einfangen, indem sie zu meiner Überraschung freiwillig in den Käfig kletterten. Erst als die Hirse restlos aufgefressen war, erkannten sie den fatalen Irrtum… die Mädels hingegen durchschauten den Trick sofort und saßen, außnahmsweise in friedlicher Eintracht, nebeneinander auf der Gardinenstange. Erst vier Stunden später gegen 22 Uhr trieb der Hunger sie in die Voliere zurück, wo ich zumindest Chiocciolina im Dunkeln von der Stange pflücken konnte. Violetta hatte ich kurzzeitig auch in den Transportkäfig gesetzt, aber da sie ihren Frust an Briciolino ausließ, hielt ich es für alle das beste, wenn sie die Nacht in der Voliere verbringt. Das schöne an dicken Wellis ist, dass man sie tageszeitenunabhängig relativ leicht fangen kann. Hinzukommt, dass Violetta die Wochen vorher von mir regelmäßig aus dem Vorhang operiert worden ist und sich einfach nach hinten fallen lässt, wenn ich meine Hand sanft um ihre Flügel lege.

An dieser Stelle möchte ich gerne noch einmal auf das richtige Greifen von Wellensittichen (und anderen kleineren Vögeln) eingehen, da man im Netz zuweilen gruselige Bilder sieht. Beim Greifen muss man seine Hand um die Flügel legen, sprich den Vogel von hinten und nicht von vorne greifen, da man sonst den empfindlichen Luftsack abquetschen könnte. Eine leichte Rückenlage mit dem Kopf nach oben ist für den Vogel in dieser Situation am angenehmsten und für den Halter am besten, da er so das Tier gut kontrollieren und ggf. abtasten kann. An meinem Violettaersatz seht ihr, was ich meine:

Trotz des relativ stressfreien Einfangens standen wir nun mit klopfenden Herzen vor der Tierärztin – Chiocciolina und ich waren der Ohnmacht nah. Da soll nochmal einer Sagen, nur Hunde gleichen ihren Besitzern (oder umgekehrt)! Um Chiocciolina weiteren Stress zu ersparen, wurde sie nach dem Check und dem Wiegen in der Pappschachtel gelassen, während einer nach dem anderen gefangen und untersucht wurde. Durch den kleinen Schlitz in der Schachtel heraus blickte sie mich mit böse funkelnden Augen an – ganz so, wie ich zwei Wochen vorher die Schwester, die mir die Drainagen ziehen sollte – und ohne Worte verstand ich meine kleine Chefin: „Das ist eine S-C-H-E-I-ß-I-D-E-E von dir gewesen!“