Die Mafiabraut

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Bei dem Gedanken daran könnte ich mich noch heute ohrfeigen. Wie naiv kann man nur sein? Gefühlte hundertmal habe ich andere davor gewarnt, keine Wellensittiche von dubbiosen Vermehrern zu kaufen und dann das: Vor einem halben Jahr bin ich selbst auf so eine miese Masche reingefallen!

Nach Violettis Tod im Juli 2016 wollte ich drei Abgabewellensittichen bei mir ein neues Zuhause schenken. Als nach Venilia drei Wochen später Numidio bei uns einzog, fehlte nur noch eine kleine Henne, um das Geschlechterverhältnis wieder herzustellen und den Achterschwarm zu komplettieren. In den Sommerferien ist es leider sehr einfach an Abgabewellensittiche heran zu kommen und so hatte ich die Qual der Wahl aus unzähligen Annoncen die richtige Partnerin für Numidio zu finden. Gute Bekannte aus der Berliner Welli-Gruppe wussten davon und so dauerte es nur wenige Tage, bis mich eine Freundin anschrieb und mich auf eine ebay-Kleinanzeige, die in einer Notfeder-Gruppe geteilt worden ist, aufmerksam machte. Eine wildfarbene, sechsjährige Henne sollte da laut Text auf einen neuen Partner warten, da der alte Partner entflogen sein soll.

Nach einem kurzen Telefonat, in dem mir bestätigt worden ist, dass ich keine Transportbox brauchen würde, fuhr ich los in den tiefsten Osten der Stadt. Drei Stationen vorher sollte ich mich kurz melden, da der Verkäufer alles vorbereiten wollte. Mir war es nur recht, da auch an diesem Nachmittag das Termometer wieder über 30 Grad kletterte und ich keinem Wellensittich zumuten wollte, stundenlang in einer Transportbox ausharren zu müssen!

Der Weg führte durch Plattenhäuserschluchten und die breiten, vom kommunistischen Baustil geprägten Straßen waren wegen der Hitze menschenleer. An der Tramstation wurde ich beim Aussteigen von einem Mann angesprochen, ob ich wegen eines Wellensittichs hier war. Ich war völlig perplex, schließlich hatte ich ja eine Adresse genannt bekommen und ging davon aus, dass ich mir das Tier unverbindlich und in seiner gewohnten Umgebung ansehen dürfte. Nix da!

Der Mann, der mich abfing, hatte das Format eines PAX-Kleiderschranks von IKEA. Weniger nordisch war sein Äußeres: Die schwarze Kleidung, die dunklen, zurückgegelten Haare und die dunkle Sonnenbrille erinnerten eher an eine Mischung aus Mafioso und Rocker. Nun ging alles sehr schnell und man(n) nutze die Überrumpelungsstrategie aus: Ob ich das Geld dabei hätte?! „Wo ist der Wellensittich?“, fragte ich naiv und bereute meine Fragerei zugleich. „Wencke“, dachte ich, „fang jetzt bloß nicht an zu diskutieren!“, und schaute mich nach Fluchtmöglichkeiten um. Nix! Keine Menschenseele! Der Mann hielt mir eine Milchpackung hin: „20 Euro!“ „Ich lebe größtenteils vegan und habe zudem eine Laktoseintoleranz“, lag es mir auf der Zunge, aber ich konnte mich gerade noch so beherrschen und gab ihm das Geld. So ganz kampflos wollte ich mich aber nicht abzocken lassen und ließ mir noch den Packungsinhalt zeigen. Auf offener Straße öffnete er den Karton [mir blieb fast das Herz stehen] und zum Vorschein kam eine kleine, zerknautschte Henne, der an einem Ständer alle vier Krallen fehlten. „Der fehlt ein Fuß“, bemerkte ich. Der Typ glotzte den Vogel in seiner Hand an und murmelte etwas von „ist mir gar nicht aufgefallen“. „Ich dachte, Sie haben den Wellensittich seit sechs Jahren“, erwiderte ich forsch und brachte den Typen damit aus dem Konzept. Er stammelte etwas von seiner Freundin, die wohl die Besitzerin sei. Der PAX-Kleiderschrank reduzierte sich auf eine MALM-Kommode. Ich setzte nach und erkundigte mich, wieso der Vogel nicht in seinem Käfig abgegeben wird, wenn man doch laut ebay-Anzeige die Wellensittichhaltung aufgeben wollte. Er druckste rum, aber ich blieb nicht locker, bis er etwas von seiner Wellensittichzucht murmelte. Die Henne sei ihm aber zu alt, um sie in die Zucht aufzunehmen. Das Gespräch wurde ihm zunehmens unangenehmer, dann drehte er sich plötzlich grußlos um, sprang über das Gleisbett und verschwand in der Tram, die gerade gekommen war.

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Ich atmete auf, als ich die Häuserschluchten und glühenden Betonplatten-Straßen hinter mich lassen konnte und endlich wieder in der S-Bahn Richtung Charlottenburg fuhr. Auf dem Rückweg lieh ich mir von einer befreundeten Wellensittichhalterin einen Quarantänekäfig aus, da in meinem noch Numidio saß. Eigentlich wollte ich am Folgetag mit beiden Tieren zum Eingangscheck gehen, aber das Risiko durch die neue Henne war mir zu groß, sodass ich beide separat voneinander und natürlich von meinem getrennt Schwarm untergebracht habe.

Nachdem der Quarantänekäfig eingerichtet und die Henne versorgt war, schaute ich auf mein Smartphon und hatte eine Nachricht von der eingangs erwähnten Freundin im Postfach: „Also jetzt hat er mir gerade geschrieben, dass er die Henne am Montag oder Dienstag zu einem Bekannten bringt, wo sich das Paar nicht mag. Er hätte dann wohl einen blauen Welli im Angebot…

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Nur gut, dass die kleine Henne beim Eingangscheck war und nach der dreiwöchigen Quarantänezeit keine Auffälligkeiten mehr zeigte. Inzwischen ist Piumetta fester Bestandteil des Schwarms geworden und hat sich, wie erhofft mit Numidio zusammengetan.Zeit also, Resümee zu ziehen.

Trotz dieser Erlebnisse, bin ich weiterhin der Meinung, dass man Abgabewellensittichen immer den Vorzug gegenüber den (extra) gezüchteten Wellis geben sollte, um dem Vermehrertum durch eine Reduzierung der Nachfrage endlich Einhalt zu gebieten und um gleichzeitig unüberlegt angeschafften und nicht-artgerecht gehaltenen Tieren eine Chance auf ein besseres Leben zu geben! Dennoch seid achtsam, denn das Beispiel zeigt, dass sich nicht hinter jedem Abgabewelli auch wirklich ein (einsamer) Notfall verbirgt. Denn eines ist klar: noch weniger als Vermehrer sollte man dubbiose Tierhändler mit seinem Geld unterstützen! Daher achtet bei ebay Kleinanzeigen immer auf mitleidserregende Formulierungen wie „Partner weggeflogen/ von Katze gefressen/ gestorben“ oder „Kinder haben keine Lust mehr/ Allergie/ Vogel muss schnell weg“ und geht immer zu zweit zum Abholort, da man euch so nicht so schnell überrumpeln kann. Auch wenn es hart klingt und für das Individuum sicher sehr unschön ist: Lasst die Finger von dem Kauf, wenn ihr das Gefühl habt, ihr unterstützt dubbiose Tierhändler! Denn merke: Wer seinen Wellensittich (aus gutem Grund) wirklich schnell los werden möchte und/oder das Interesse verloren hat, der ist froh, dass ihr den Vogel nehmt und schenkt ihn euch. Wer seinen Wellensittich abgeben muss, aber möchte, dass es dem Tier gut geht, der „schützt“ es nicht mit einer „Schutzgebühr“, sondern schaut sich das neue Zuhause an, stellt euch viele Fragen, trifft dann, meist Tage oder gar Wochen später, eine Entscheidung für oder gegen euch und überlässt euch den Welli dann kostenfrei, wohl wissend, was alleine für den Eingangscheck auf den neuen Besitzer finanziell zukommt. Wer beim Einschätzen von ebay Kleinanzeigen unsicher ist, der sollte sich hinsichtlich der Aufnahme von Abgabewellensittichen nicht abschrecken lassen, sondern einfach in die Vermittlungsforen des VWFD.de oder bei Welli.net schauen.Habt keine Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen!

Die Geschichte sprach sich unter Tierfreunden und in Vermittlungsforen schnell rum. Bereits am nächsten Morgen begrüßte mich eine WhatsApp-Nachricht von Janina, Admina der Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps„, fröhlich mit den Worten: „Na, was macht die Mafiabraut? :D“ Was soll ich dazu sagen… seuftz *augenroll*


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Erste-Hilfe-Kurs für Wellensittichhalter

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Wer kennt es nicht? Es ist Samstagnachmittag, alle Vogelpraxen sind geschlossen und dann passiert es: einer der geliebten Wellensittiche braucht dringend Hilfe! Doch wie verhält man sich? Wie greift man das Tier richtig und wie leistet man Erste Hilfe? In einem Erste-Hilfe-Kurs der Vogelpraxis meines Vertrauens erlernten wir die wichtigsten Handgriffe.

Der Anlass zu diesem Kurs liegt schon Monate her: Ich hatte durch Zufall ein dehydriertes und unterernährtes Küken gefunden, das einige Tage zugefüttert werden musste. Von Samstagnachmittag bis Montagabend mühte ich mich redlich ab und brauchte pro Fütterung rund eine Stunde. Als ich nun am Montagabend in der Vogelpraxis neidisch dabei zusah, wie meine Tierärztin mit der Kropfsonde (oder auch Knopfkanüle) innerhalb weniger Sekunden mein hungriges Küken satt machte, fragte ich, ob man so etwas als „Otto-Normal-Tierhalter“ auch erlernen könne. Die Tierärztin griff meine Bitte gleich auf und so wurde der Erste-Hilfe-Kurs im November organisiert. 🙂

Ich wurde in den letzten Tagen von einigen Leser/innen über Facebook, eMails oder diesen Blog gebeten von dem Kurs zu berichten. Nun, theoretisch ist jedem interessierten Wellensittichhalter aus der (Fach-)Literatur bekannt, wie man sein Tier richtig einfängt, hält oder erstversorgt… aber eben nur theoretisch! In der Praxis zeigte sich einmal mehr, wie wichtig es ist, unter fachkundiger Anleitung auch die Basics, wie das Fangen und Halten, zu üben, denn das ist das A und O für alle weiteren Maßnahmen.

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Auch wir haben in einem 1-stündigen Vortrag nochmal in aller Kürze wie wichtigsten theoretischen Grundlagen aufgefrischt. Bei der Gelegenheit habe ich meine Tierärztin zu den gängigsten Fragen aus den Foren gelöchert.

  1. Wellensittiche können beim Tierarzt vor Stress sterben. Das ist falsch, denn kein gesundes Tier stirbt an Stress! Es kann aber durchaus sein, dass Tiere bereits so geschwächt durch ihre Krankheit sind, dass sie daran versterben. Erfahrende und vor allem vogelkundige Tierärzte können die Gefahr eines Kreislaufkollaps bei kranken Tieren aber in der Regel einschätzen und von einer Behandlung, die das Greifen erfordert, absehen und stattdessen kreislaufunterstützende Maßnahmen einleiten. Es ist daher wichtig, immer rechtzeitig und bei ersten Anzeichen von Krankheitssymptomen zum vogelkundigen Tierarzt zu gehen!!!
  2. Petersilie ist giftig. Jein, die Menge macht’s. Petersilie enthält wertvolle Mineralien, Vitamine und Spurenelemente. Da Petersilie aber leicht toxisch, also giftig, ist, sollte man sie nur in Maßen füttern und am besten die Stiele weglassen, da dort das meiste „Gift“ sitzt.
  3. Wellensittiche verbluten sehr schnell. Die gute Nachricht für alle, die ein so zartes Gemüt haben wie ich: Ihr habt in der Regel genug Zeit erst in Ohnmacht zu fallen und dann zu handeln! Durch den Schock, der häufig den Verletzungsvorgang begleitet, gerinnt die Blutung sehr schnell. Selbst Vögel mit angetrennten Gliedmaßen haben daher eine gute Überlebenschance, wenn zügig ein vogelkundiger Tierarzt aufgesucht wird.

Nach einer kurzen Pause kam der Teil des Nachmittags, auf den ich mich seit Monaten gleichermaßen freute und fürchtete: der Praxisteil! Um individueller geschult zu werden, wurden die elf Teilnehmer auf zwei Gruppen aufgeteilt. Da ich bereits während der Pause die toten „Übungsengel“ der Gruppe 1 gesehen habe (die Wellis waren einfach zu süß und sahen aus, wie meine :'( ), wählte ich Gruppe 2. Da ich mich kenne, hatte ich vorsorglich meinen Freund mitgenommen. Er ist Krankpfleger auf einer Rettungsstelle und zudem noch freiwilliger Feuerwehrmann – ich wusste also, dass ich im Notfall beruhigt in Ohnmacht fallen konnte. Wir hatten ausgemacht, dass, wenn immer mir schwarz vor Augen wurde, ich ganz beschäftigt zum Fotoapparat eilen würde, denn durch das Mini-Guckloch (auch Sucher genannt 😉 ) sieht alles nicht mehr ganz so schlimm aus. Es entstanden einge Fotos… natürlich völlig gewollt und geplant! 😛 Spaß bei Seite – ich finde, ich habe mich wacker geschlagen und nach einer Gewöhnungsphase auch alles mitgemacht.

Das Üben an den toten Wellensittichen hat uns auf den Erstfall vorbereitet: Ein Schwarm Kanarienvögel und einige Fundwellensittiche brauchten etwas gegen Trichomonaden per Kropfsonde und ein Spot-on gegen Milben. So hatte unsere Übung gleich einen ernsten Hintergrund.

Die 4 1/2 Stunden sind wie im Flug vergangen! Es war ein hochinteressanter, spannender und lehrreicher Tag gewesen. Zum Abschied bekommen wir von der Vogelpraxis noch einen Erste-Hilfe-Kit mit. Enthalten sind eine Kropfkanüle & passende Einwegspritzen, blutstillende Mittel, Verbandszeug sowie ein leichtes Schmerzmittel (Traumeel) für die Erstversorgung, bzw. um die Zeit des Transports zum Tierarzt zu überbrücken. Wir scheinen artige und aufmerksame Schüler/innen gewesen zu sein, denn unsere Tierärztin regte an, dass man nächstes Jahr wieder einen Kurs mit weiteren Themen machen könnte. Ich kann es kaum erwarten und freue mich auf die Fortsetzung!

Ein herzliches Dankeschön an Frau Dr. Kling und Frau Feder von der Vogelpraxis Dr. Kling für ihre Zeit, Geduld und Mühen sowie diesen aufregenden, lehrreichen und spannenden Erste-Hilfe-Kurs!

Handicap-Wellensittiche Teil 3: Erfahrungsberichte

Im dritten Teil der Mini-Serie über Handicap-Wellensittiche lasse ich einige Halterinnen zu Wort kommen. Mit kreativen Einrichtungsideen und sehr viel Liebe zum Detail wurde Käfige zu Spielparadiesen umgebaut, damit auch körperlich eingeschränkte Tiere aktiv am Schwarmleben teilnehmen können.

Die wenigsten Tierhalter planen von Anfang an, gehandicapte Wellensittiche aufzunehmen. Meistens „rutscht man da so rein“. Da auch die Umstände, der Krankheitsgrad des Tieres und auch das Wohnumfeld sehr unterschiedlich sind, ist es sehr hilfreich, sich als Halter von Handicap-Vögeln in einer Gruppe wie „Wellensittiche -Senioren & Handicaps“ auszutauschen. In gemeinschaftlicher Arbeit ist folgendes Video entstanden.

Neben den Videos und Bilder haben engagierte Wellensittichhalterinnen auch ihre Erfahrungen zu Papier gebracht und möchten ihre Ideen, Tipps & Wissen mit euch teilen. Den Anfang macht Annett, die Erfahrungen in der Einrichtung von behindertengerechten Käfigen hat: „Unser gehandicapter Max ist an PBFD erkrankt und hat daher einen großen Gefiederverlust und zudem eine Blutgerinnungsstörung. Er wird im August zwei Jahre alt und konnte noch nie fliegen… [weiter lesen].“

Mäxchen ist leider am 30. Januar 2017 verstorben.

Eigentlich sollte es eine kurze Mail an mich werden, um die Bilder für das Video zu beschreiben. Heraus kam ein ehrlicher und authentischer Erfahrungs- und Erlebnisbericht von Melanie. In ihrem Beitrag erfährt man auch von den Schattenseiten der Tierhaltung, den Kosten und das Leid, das Vogel und Tierhalter durchmachen. Melanie: „[…] Als ich eines Tages die Wohnung verlassen wollte, bin ich beinahe über einen Vogelkäfig gestolpert, der vor meiner Tür stand. Und da saßen nun zwei hübsche, offensichtlich noch junge Nymphensittiche! Ich habe es nie wirklich herausgefunden, wer sie mir vor die Tür gestellt hat… [weiter lesen].“

Ob Ballengeschwüre oder Arthrose: Als Halter von „fußkranken“ Vögeln sollte man unbedingt die Sitzstangen polstern. Das ist aber gar nicht so leicht, wie man denken könnte, da das Material fussel- und schlingenfrei sein muss, damit sich die Tiere darin nicht verheddern. Einen tollen Tipp sowie Links und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung bekommen wir von Natascha: Anleitung hier lesen.

Manche Wellensittichhalter haben sehr schwerwiegende Fälle zu betreuen. So auch Tatjana: „Ich habe einen Wellensittich (meine Maggi), die es wirklich schlimm getroffen hat. Ein Fundtier aus dem Tierheim Ulm. Am Anfang dachten alle an ein Schleudertrauma, aber weil sie noch fraß und auf der Stange sitzen konnte, hat man sie nicht eingeschläfert. Also holte ich sie zu mir, ohne genau zu wissen, was ihr fehlt. Bei meinem vkTA konnten wir ein Augentrauma feststellen und das sie nichts hören kann. Sie sieht zwar, aber nur undeutlich. Er fragte mich auch direkt, ob man sie nicht erlösen solle, da so ein Leben für ein Welli nicht schön sei. Ich lehnte ab und wollte mich nicht damit abfinden, dass für sie nicht wenigstens eine Verbesserung zu erreichen war. Dazu muss man sagen, das sie es echt schwer hat mit der Orientierung hat und sich ständig im Kreis dreht. Da sie nichts hört und kaum was sieht, erkennt sie auch meine anderen Wellis nicht. Medikamente halfen alle nicht oder nur unwesentlich. Ich baute ihr ein Freigehege in meinem Vogelzimmer. Mit geschütztem Raum und sie kann direkt auch raus und auf dem Boden rumlaufen. Ich bastelte Spielplätze in Bodenhöhe und beobachtete sie. Am Anfang hatte sie es wirklich schwer sich zureckt zu finden. Aber Klettern konnte sie prima. Also sammelte ich sie bis zu 5mal am Tag wieder ein und brachte sie in ihren geschützen Bereich zurück. Mittlerweile fanden meine anderen fliegenden Wellis die kleine auch sehr nett und fingen an Kontakt aufzunehmen und sich um sie zu
kümmen. Da Maggi sie nicht erkannte, schimpfte sie immer sehr deutlich wenn einer der Wellis ihr zu nahe kamen. Aber mittlerweile klappt es sehr gut. Sie hat jetzt immer einen Aufpasser (einer aus 18 Wellensittichen) dabei. Immer mal ein Anderer. Läuft sie in eine Sackgasse, wird sie liebevoll am Schnalbel geführt. Ist sie unsicher ob sie weiter kommt, wird sie leicht angestupst. Und sie findet selber zu ihrem geschützten Bereich zurück um zu fressen und Wasser aufzunehmen.“

Maggi ist leider im September 2016 überraschend verstorben.

 

Handicap-Wellensittiche Teil 1: Körperliche Behinderungen

Langsam segelt die Schwungfeder zu Boden. Es war die letzte an Antonias rechtem Flügel. Ich weiß, was das heißt… und fünf Minuten später wusste es auch Antonia!

Wellensittich_Schwungfedern fehlenVerwirrt sitzt sie mitten im Zimmer auf dem Boden und schlägt ängstlich mit den Flügeln. Blöde Mauser! In den nächsten Wochen wird Antonia wohl meine fürsorglich aufgestellte Leiter nehmen müssen, um wieder in den Käfig zu gelangen, bis ihre äußeren Schwungfedern wieder nachgewachsen sind.

Im Leben eines Wellensittichs kann es mauser- oder unfallbedingt immer wieder mal zu temporären körperlichen Einschränkungen kommen. Einige Tiere bleiben aber leider für immer gehandicapt. Da dies jedem Wellensittich (und damit auch Wellensittichhalter) treffen kann, möchte ich in einer dreiteiligen Serie die Facebook-Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps“ zu Wort kommen lassen. Neben unfallbedingten Handicaps wird Janina, eine der drei Admins der Gruppe, auch über Behinderungen berichten, die krankheits- oder geburtsbedingt sind.

Einige Mitglieder dieser Gruppe, unter ihnen Annett, Elfi, Melanie, Natascha und Tatjana, haben uns für das gemeinsame Projekt Bilder und Videos zur Verfügung gestellt. Sie möchten Haltern von Wellensittich Senioren & Handicaps ihre Lösungsansätze und Ideen weitergeben und zeigen, dass auch körperlich eingeschränkte Tiere ein lebenswertes Leben haben.

Über die Facebook-Gruppe „Wellensittiche Senioren & Handicaps“
von Janina

Die Idee für diese spezielle Gruppe entstand aus dem Wunsch, Wellensittichhaltern mit Handicap- und Senioren Vögeln eine Plattform zu bieten, auf der sie sich austauschen können, Probleme teilen und sich gegenseitig unterstützen. Halter mit den gleichen Sorgen um ihre Tiere wissen am ehesten einen guten Rat – oder sind einfach da, um nach einer guten Lösung für das eigene Sorgenvögelchen zu suchen, um andere zu trösten oder um die Freude über kleine Fortschritte zu teilen.

PBFD www.birds-online.de

Unter Handicap verstehen wir nicht nur körperlich eingeschränkte Wellensittiche, sondern auch jene, die an einer Gefiederstörung leiden, organische Probleme oder chronischen Erkrankungen haben. In dieser Gruppe dürfen wir auch daran teilhaben, wie glücklich ein nackiges PBFD*-Vögelchen ein Basilikumbad nimmt oder eine flugunfähige Henne die heißesten Liebesbekundungen mit ihrem Hahn austauscht.

Neben dem Kontakt zu gleichgesinnten Haltern, findet ihr aber auch viele hilfreiche Informationen zu verschiedenen Themen. Außer den Standard-Dateien, wie einer Liste für vogelkundige Tierärzte, Empfehlungen zu Onlineshops, Ernährungstipps usw., arbeiten die Admins auch an speziellen Informationen und PDFs. Hier findet man Infos zu der Ernährung bei Megabakterien und Lebererkrankungen, Tipps für spezielle Käfigeinrichtung oder ein Wiege- und Medizinplan zum Ausdrucken.

Wir freuen uns über jedes neue Mitglied und alle, die sich aktiv beteiligen. Wir profitieren vom Wissen anderer, geben unsere eigenen Erfahrungen weiter und so schließt sich der Kreislauf. Hast auch du einen älteren und / oder gehandicapten Wellensittich, schreibe dich in unsere Facebook-Gruppe „Wellensittiche -Senioren& Handicaps-„ ein.

* PBDF: Psittacine Beak and Feather Disease („Schnabel- und Federkrankheit bei Papageien“). Mehr Infos auf www.birds-online.de

Erster Teil: Wellensittiche mit körperlichem Handicap

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Unsere Lieblinge können durch die verschiedensten Unfälle im Haushalt, das Zusammenleben mit den falschen Vogelarten, durch Geburtsfehler oder Fehler in der Aufzucht zu einer körperlichen Behinderung kommen. Dieses Wort verwende ich höchst selten, denn ich kann kaum eine Hinderung im Sozialverhalten und dem täglichen Leben meiner flugunfähigen Wellensittiche feststellen. Dies erreicht man aber nur, indem man einiges an Zeit und etwas Geld aufwendet, um eine Umgebung zu schaffen, die der Wellensittich mit seinem Handicap gefahrlos und sicher erkunden kann. Der Halter läuft zu kreativer Höchstform auf, indem er immer neue Hilfen bastelt, um seinen Lieblingen ein angenehmes Leben zu bereiten. Häufig entstehen ganze Kletterwälder, damit der Wellensittich an allen Aktivitäten des Schwarms teilhaben kann.

Plätze zum ausruhen laden nicht nur „Handicaps“, sondern auch Senioren zum Verweilen ein. Gepolsterte Stangen lindern bei Druckgeschwüren den Schmerz. Käfig- und Fußböden, die mit weichem Material oder Decken ausgelegt, sind bieten Schutz vor Verletzungen bei Stürzen.

Das allerwichtigste für einen gehandicapten Wellensittich ist der Kontakt mit seinen Artgenossen. Wie wir wissen, sind Wellensittiche Schwarmtiere und dieses Bedürfnis wird durch körperliche Einschränkungen nicht gemindert. Es ist sogar essenziell für die Vögel, denn der Kontakt zu Artgenossen trägt zum einem zum Wohlbefinden bei, als auch in einem hohen Maße zur Gesunderhaltung und Verbesserung einiger Behinderungen. Das Schwarmleben animiert zum Beispiel einen flugunfähigen Vogel sich zu bewegen, um an den täglichen Aktivitäten wie der Futtersuche oder dem Badevergnügen teilzuhaben. Ein appetitloser Vogel wird durch das Fressverhalten der Kollegen dazu angeregt auch Futter aufzunehmen oder sich von dem Partner füttern zu lassen.

Neben flugunfähigen Wellensittichen gibt es noch körperliche Einschränkungen wie amputierte/fehlende oder gelähmte Gliedmaßen, Missbildungen der verschiedensten Körperteile, Spreizbeinchen und Schnabeldefekte, um nur die häufigsten zu nennen.

von Janina

Im zweiten Teil erfahrt ihr mehr über Handicaps, die durch Erkrankungen ausgelöst werden.

Die schwerste Entscheidung

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Dieser Blogbeitrag ist für alle Tierhalter, die vor der einen großen Entscheidung stehen: der Euthanasie. Der Beitrag hilft euch nicht, eine Entscheidung zu treffen, er beantwortet auch nicht, ob ihr richtig entschieden habt, er erteilt euch keine Absolution, er tilgt weder Schmerz noch Zweifel, aber er zeigt: Ihr seid nicht alleine!

Ist ein Tier unheilbar erkrankt, kommt früher oder später die Frage nach der Euthanasie auf. Das Wort Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so etwas wie schöner Tod. Viele Tierbesitzer nutzen auch Synonyme wie Einschläfern oder Erlösen. Aber was ist am Tod des geliebten Tieres schön? Je länger und schleichender der Krankheitsverlauf, desto eher quälen sich Tierhalter mit der Frage, nach dem ob und dem wann? Selten ist der Krankheitsverlauf eine linear fallende Gerade; der Gesundheitszustand ist mit seinen Höhen und Tiefen, den guten und schlechten Tagen eher eine Amplitude mit Abwärtstendenz, in der es schwer ist, den richtigen Augenblick des Loslassens zu finden.

Von Außenstehenden hört man als verzweifelter Halter oft nur den Spruch: „Dann erlöse das Tier doch oder willst du, dass es leidet?“. Selbst in Tier-Foren und -Gruppen scheint man sich einig zu sein: Die Euthanasie ist scheinbar immer das Mittel der Wahl und jeder Halter, der Zweifel an der Euthanasie hegt, wird als Tierquäler abgestempelt. Unzählige Male hörte und las ich den Satz schon: „Also, wenn ich Schmerzen hätte, dann würde ich auch davon erlöst werden wollen.“ Die Euthanasie? Ein Akt der Menschlichkeit?

Erst letzte Woche gehörte ich auch (wieder) zu denen, die diese wohl schwerste Entscheidung im Leben eines Tierhalters zu treffen hatten. Meine kleine Lieblingshenne, die zutrauliche Violetta, quälte vermutlich ein Nierentumor. Tagtäglich wog ich die Situation auf’s Neue ab, hinterfragte meine Entscheidungen, kaum, dass ich sie getroffen hatte. Wochenlang quälte mich die Frage, ob das, was ich tue richtig ist. Wenn die Euthanasie bei Tieren als einen Akt der Menschlichkeit dargestellt wird, warum ist Sterbehilfe dann nicht bei Menschen erlaubt? Hat das vielleicht auch einen Sinn, weil wir alle nur dieses eine Leben haben, was so wichtig ist, dass man es bis zum allerletzen Atemzug erhalten muss – notfalls auch gegen den Willen des Patienten? Würde ich nicht auch bis zum Schluß kämpfen, weil kein physischer Schmerz der Welt so viel Bedeutung haben kann, wie eine weitere Stunde mit meiner Familie? Bin ich egoistisch, wenn ich Violetti nicht einschläfern lasse? Leidet sie so sehr, dass ich ihr weiteres Leid nicht zumuten darf? Handele ich im Sinne meiner Tieres? Oder erlöse ich sie nur, damit ich meinen Seelenfrieden finde und nachts wieder durchschlafen kann? Ich googlete im Netz, las alle Artikel zu dem Thema, erkundigte mich bei anderen Wellensittichhaltern mit Tumorpatienten, durchforstete Berichte von Menschen mit Nierentumoren – alles mit dem Hintergrund herauszufinden, ob mein Tier Schmerzen leidet und um Antworten auf meine Fragen zu erhalten. So sehr ich auch suchte, nirgendswo stand: „Wencke, du hast die Entscheidung X zu treffen, denn dies ist das einzig Richtige!“

Alles begann am 21. Mai 2016, einem Samstag. Es war einer unserer „Schluffeltage“ – es standen keine Termine an, also verbrachte ich den größten Teil des Tages daheim. Die Wellensittiche spielten draußen und Violetta beschäftigte sich mit ihrem Lieblingsspielzeug. Bei dem Foragingspielzeug kann man durch anheben und wegdrehen von Deckeln kleine Felder öffnen, in den Hirse liegt. Sie hatte als erste den Trick herausgefunden und wann immer das Bird Toy auf dem Tisch stand, flitzte sie hin, um es in sekundenschnelle zu lösen. Icaro durchschaute zwar nicht das System, wusste aber, dass er nur abwarten musste, bis Violetta alle Dosen geöffnet hatte, um sie schließlich wegzuschubsen… So auch an diesem Tag. Bei den ersten Deckeln einigte man sich. Plötzlich quickte Violetti laut auf. Ich hatte dem Treiben nur aus dem Augenwinkel zugeschaut und konnte daher nicht sagen, ob sie gebissen worden ist oder sich vertreten hat beim Ausweichen vor dem schnappenden Icaro. Auf jeden Fall entlastete sie das Füßchen. Da sich Wellensittiche grundsätzlich immer erst Samstagmittag nach Schließung der Notfallsprechstunde verletzen, entschloss ich mich, erst einmal abzuwarten.

Am Montag entlastete Violetta immer noch leicht, also ging ich mit ihr zu unserer Vogelpraxis. Dort konnte nichts auffälliges festgestellt werden, außer eine leichte Rötung an einer Zehe. Mit einem Schmerzmittel, so hofften wir, würde es sich im Falle einer Zerrung sicher bald geben. In der darauffolgenden Woche war ich wieder in der Sprechstunde: Ich wollte ein Röntgenbild, da Violetta ihren rechten Ständer immer mehr entlastete. Auch der Greifreflex ließ nach. In den folgenden acht Wochen wurden wir zu Stammkunden. Schmerzmittel, Antibiotikum und Cortison brachten keinen Erfolg. Die Muskulatur baute sich rasant ab und Violetti humpelte nur noch auf einem Bein durch das Zimmer und ihre Ruhezeiten wurden immer länger. Es wurde ein weiteres Röntgenbild angefertigt, als sich der Verdacht auf einen Nierentumor verdichtete. Aber nichts lieferte ein eindeutiges Ergebnis.

Am 4. Juli 2016 sagte man mir, dass ich mich mit der Tatsache abfinden müsse, dass Violetta „austherapiert“ sei. Die Medikamente wurden abgesetzt und es kam zu einer leichten Verbesserung, da die Verdauung nicht mehr weiter belastet wurde. Ich wusste dennoch, was dies bedeutete… Und trotzdem wäre ich nicht ich, wenn ich es in der darauffolgenden Woche nicht noch einmal probiert hätte. Violetta schlief inzwischen vermehrt auch tagsüber und suchte sie das Sitzbrettchen dazu auf, um ihren gesunden Ständer zu schonen. Außerdem fühlte ich mich zunehmens unter Druck gesetzt: Am 15. Juli, so wusste ich, würde die Vogelpraxis für zwei Wochen schließen.

Als ich also am 11. Juli die Praxis aufsuchte, rechnete ich damit, dass die Tierärztin mich nicht wieder mit Violetti ziehen lassen würde. Violetti und ich schauspielerten was das Zeug hielt; den erfahrenen Augen meiner Tierärztin entging es natürlich nicht. Ich äußerte ehrlich, dass ich mich wegen der Sommerpause unter Druck gesetzt fühlte und ich Violetta an diesem Tag nicht hätte gehen lassen wollen, da sie noch alleine fraß, mit den anderen auf der Schlafschaukel saß, kurze Strecken flog und ihr Partner sich sehr liebevoll um sie kümmerte. Die Tierärztin bot mir an, dass ich, wenn es an der Zeit ist, mich melden könnte, da sie in Berlin ist. Mir fiehl ein Stein vom Herzen. Es war das letzte Mal, dass ich mit Violetti die Praxis lebendig verlassen konnte.

Ich wusste, dass jeder Tag mit meiner zahmen Henne kostbar war und tat alles, damit sie es die restlichen Tage noch so schön wie möglich hatte. Der Gesundheitszustand verschlechterte sich aber zunehmens und auch in der Nacht flatterte Violetti meistens zwischen 2 und 3 Uhr auf den Volierenboden. Ich stand jedesmal vor Schreck senkrecht im Bett und rannte zum Käfig. Täglich wuchs in mir der Zweifel – ich merkte, dass Violettas Ende kurz bevorstand. Am Sonntagabend schrieb ich die Tierärztin an und erkundigte mich nach dem, was unausweichlich war. Am Montagfrüh erhielt ich eine Antwort mit dem Mittwoch als Terminvorschlag. Ich rang mit mir… sollte ich den Termin wahrnehmen? Ich durchlebte eine Achterbahn der Gefühle. Ich war bereits dreimal dabei, als Wellensittichen von mir durch einen unbemerkten Rückfall an Trichomonaden die Atmung versagte, durch Niereninsuffizienz die Organe innerlich bluteten und durch Krampfanfälle der Erstickungstod folgte. All dies geschah jeweils unerwartet, aber diesmal hatte ich es in der Hand, meiner geliebten Violetta solch ein schreckliches Ende zu ersparen. Am Folgetag saß ich abends mit Violetti in der Hand mit meinem Freund zusammen. Die Kleine verputzte eine  halbe Kolbenhirse und flog dann durch das Zimmer zu ihrem Partner, um sich ausgiebig kraulen zu lassen. Nach einem langen Gespräch entschlossen wir, dass wir Violetta nicht am nächsten Tag erlösen lassen wollen. Mein Freund war in Rufbereitschaft und sicherte mir zu, dass er jederzeit zu der nur wenige Autominuten entfernt liegende 24-h-Tierklinik fahren würde, wenn es so weit wäre.

Ich weiß nicht genau, was mich am nächsten Vormittag dazu bewegte, den Termin allerschwersten Herzens doch anzunehmen. Ich durfte an diesem Tag Überstunden abbummeln und war bereits Mittags wieder Daheim. Violetti saß teilnahmslos und schlafend in einer Käfigecke, das Frühstück war unangestastet. Das tägliche Wiegen hatte ich mir schon Wochen zuvor angewöhnt. An diesem Tag war ein erheblicher Gewichtsverlust festzustellen. Sie hatte die „magische Grenze“, die ich mir gesetzt hatte, unterschritten. Als ich mich noch eine Stunde mit ihr auf das Sofa gesetzt hatte, um mich zu verabschieden, begann sie zu würgen und spuckte Körner und Schleim. Der kleine Körper zitterte unter der Anstrengung. Ich betete, dass wir es noch rechtzeitig in die Praxis schaffen würden.

Ich weiß nicht, ob es an diesem Morgen Intuition war oder Glück… oder ob mir Violetti diese schwere Entscheidung erleichtern wollte. In der Praxis kuschelte sie sich wie gewohnt in meine Hände und blinzelte mich nochmal an, als eine Träne ihren Flügel traf. Die Ärztin nahm sie nur ganz kurz hoch, tastete Violetti zur Kontrolle ab, bestätige mir, dass es die richtige Entscheidung sei und setzte dann die Spritze, bevor sie mir Violetti wieder zurück in die Hand setzte.

Das kleine Federknäul kuschelte sich wieder in meine warme Hand und schloss die Äuglein. Eine Weile noch fühlte ich das Herzchen schlagen, bevor es für immer aufhörte…

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Carpe Diem

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Carpe Diem – eine bekannte lateinische Sentenz, die dazu aufruft, jeden einzelnen Tag zu genießen, denn nichts ist so vergänglich und unwiederbringlich wie verstrichene Zeit. Als langjähige Besitzerin von mehreren Wellensittichen erlebt man viel Schönes und Lustiges, aber auch viel Leid und leider auch Abschiede. Dies ist die viel zu kurze Lebensgeschichte von dem Küken Pulcina.

Die schönsten Geschichten schreibt der Zufall. So habe ich vor zweieinhalb Wochen beim letzten Tierarztbesuch mit Violetti am Schwarzen Brett einen Aushang gesehen, auf der die Madeira II in Grau – also genau mein Käfig-Modell und nur 6 Monate benutzt – für einen Spottpreis angeboten worden ist. Klar, dass ich da gleich zugeschlagen wollte bei so vielen kranken Wellensittichen in letzter Zeit. Ich kann es durch meinen Krankenhausaufenthalt vor einem Jahr nur zu gut verstehen, was es heißt, wenn man krank ist und dann nicht mal seine gewohnte Umgebung hat. So geht es sicher auch meinen Wellensittichen, wenn sie im alten, kleinen Quarantänekäfig auf ihre Genesung warten müssen. Daher hielt ich schon seit Längerem die Augen nach einer zweiten Madeira II als Quarantänekäfig offen.

Am Samstag vor genau zwei Wochen, war es dann so weit: Die Verkäuferin nannte mir einen Treffpunkt auf dem Hof eines mit ihr befreundeten Papageien-Halters außerhalb von Berlin. Beim Abholen der Voliere haben mein Freund und ich dann festgestellt, dass es sich um einen Züchter handelt, der auch Wellensittiche verkauft. Schon beim ersten Blick in eine seiner Volieren sah ich, dass da unten auf dem Boden etwas durch den Kot kroch, was im ersten Augenblick nach einem Küken mit Behinderung oder PBFD aussah. Der Züchter meinte nur entschuldigend, dass ich mich nicht daran stören sollte, er ist einfach noch nicht dazu gekommen „es tot zu machen“. Ich spürte nur den eisigen Blick meines Freundes in meinem Rücken, der ganz klar „Nein!“ bedeutete, und wir gingen hinaus, um die Voliere zu demontieren. Nach einer kurzen, aber erfolglosen Diskussion unter vier Augen sind wir dann wieder Richtung Berlin gefahren. Kurz vor Berlin nahm mein Freund laut fluchtend die Ausfahrt in die entgegengesetzte Richtung und fuhr zurück zum Züchter. Der Herr war ziemlich überrascht, dass ich das kranke Küken haben wollte und schenkte es mir mit den mitleidigen Worten: „Ich kann Ihnen aber auch einen anderen geben, einen gesunden!“ Als ich ihm dann sagte, dass ich am Montag gleich zum Tierarzt gehe, meinte er noch, dass „wenn der nichts ist, dann kann ich den auch umtauschen“… wahrscheinlich sehr nett gemeint von dem Züchter, aber das Küken hätte keinen Tag länger überlebt, da es komplett abgemagert und dehydriert war. Eine liebe Bekannte aus der Welli.net-Gruppe, die sich ehrenamtlich und auf eigene Rechnung um Notfälle kümmert und diese nach der Genesung in gute Zuhause vermittelt, ist gleich vorbeigekommen und hat mir Handaufzuchtsfutter mitgebracht. Die erste Portion ist von dem Küki sofort verschlungen worden!

Am Montag war ich gleich beim vogelkundigen Tierarzt und bin erleichtert gewesen, dass anhand der Kotprobe und des Kropfabstriches nichts Auffälliges gefunden werden konnte. Der einzige Markel waren die verkrüppelten Füßchen, aber das Küken kam damit gut zurecht. Vier Tage lang habe ich das Küki mehrmals täglich mit der Pipette gefüttert. Ich hatte die kleine Henne, die wir Pulcina (italienisch für Küken) getauft haben, auch auf der Arbeit dabei. Ganz artig hat sie von Fütterung auf Fütterung in ihrer Transportbox gesessen und leise gewartet. Am Ende des vierten Tages war sie so fit und munter, dass sie nicht nur alleine fressen und trinken konnte, sondern sogar ihre ersten Flugversuche durch das Vogelzimmer unternommen hat. Ich war stolz wie Bolle! Ich hatte noch nie zuvor ein Küken per Hand gefüttert und es war eine anstrengende, aber wunderschöne Erfahrung. Wer nicht genau weiß, was ich mit anstrengend meine: So ein Küken muss mindestens 4x täglich gefüttert werden – und pro Fütterung sitzt man rund 1,5 Stunden! 😀

Meine Freude teilte ich auch auf meiner Facebook-Seite Wellensittiche Blog & Videos sowie in der Gruppe Wellensittiche -Senioren&Handicaps-. In dieser Gruppe finden Halter von älteren, chronisch kranken und behinderten Wellensittichen Rat, Hilfe und Beistand. Die Resonanzen waren überwältigend: Anscheinend hatte Küki nicht nur mich mit ihren süßen Kopfäuglein in ihren Bann gezogen!

Die erste Woche verging mit Küki wie im Flug. Durch die anstehenden Klausuren hatte ich mit drei Urlaubstagen mein Wochenende verlängert, so dass ich nicht nur intensiv lernen, sondern auch die Zeit mit Küki, Violetti und den anderen Wellis genießen konnte. Da sich Violettas Zustand nicht bessert, widme ich ihr und den anderen in den letzten Wochen ganz bewusst meine wenige Zeit, die mir neben Arbeit und Studium bleibt. Man weiß nie, wie viele gemeinsame Stunden uns noch bleiben.

Pulcina-Küki war zwar tagsüber, wenn ich arbeiten war, in der baugleichen Quarantänevoliere untergebracht, aber nachmittags und abends hüpfte sie mit den anderen durch das Zimmer. Pulcina flog bereits nach wenigen Tagen wie eine „Große“ durch den Raum, landete immer sanft auf der Voliere und erkundete schon ihr baldiges Zuhause. Trotz der küppligen Zehen konnte sie klettern und sich sicher auf den Stangen, Zweigen und Seilen halten. Die letzten drei Nächte schlief sie sogar schon in den Schlafringen bei den anderen Wellensittichen.

Heute Morgen jubilierte ich innerlich, denn ich hatte vor zwei Wochen nicht daran geglaubt, dass das Küki überlebt. Nun saß sie da, sortierte Rindenstückchen von CHIPSI aus einem großen Untersetzer, fraß mit den anderen aus den selben Näpfen oder flog mit ihnen durch den Raum. Zum Mittagessen kam mein Freund bei uns vorbei. Wir kuschelten und spielten mit dem kleinen, frechen Küki, bis es keine Lust mehr hatte und zu den anderen zurückflog. Bis auf das Wetter war der Tag perfekt!

Nach dem Mittagessen rief mein Freund plötzlich: „Schau mal – Violetti!“. Ich rannte sofort zur Voliere: mein kleiner Spatzi lag mit geschlossenen Augen halb auf der Seite auf dem Sitzbrettchen. Mit blieb fast das Herz stehen! Seit Wochen kämpfen wir mit allen medizinischen Mitteln um ihr Leben und ich hatte das Gefühl, dass sie noch Lebensqualität besitzt, so wie sie den Abend zuvor Möhrchen und Gurke geschreddert hatte. Mir schoßen die Tränen in die Augen. Ich bat mein Freund, das Fenster zu schließen, da wir kurz gelüftet hatten, und öffnete die Tür des Käfigs. Wie von der Tarantel gestochen, schoss Violetta von ihrem Sitzbrettchen hoch, wechselte auf ihre Lieblingsschaukel und fing an sich zu putzen. Uns fiel ein Stein vom Herzen! Fehlalarm! Alles gut, Violetti lebt! Volierentür geschlossen, jetzt kann das Fenster wieder auf und wir beginnen das Geschirr abzuräumen. Auf einmal hörte ich einen ungewohnten fiependen Laut…

Um kurz vor 14 Uhr bekam Küken Pulcina völlig unerwartet und ohne vorherige Anzeichen einen kurzen, aber heftigen Krampfanfall. Ich habe sie aus dem Käfig genommen, meinem Freund in die Hand gelegt, um ihre verkrampften Füßchen und zitternden Flügelchen zu massieren und parallel die Tierärztin anzurufen. Noch bevor es ein Freizeichen gab, entspannten sich alle Muskeln und Küki schlief ruhig in der warmen Hand meines Freundes ein…

Da mein Freund zur Arbeit musste, wandte ich mich an seinen Vater. Er hatte mir schon vor zwei Jahren, als Piumina und Antonella verstorben sind, angeboten, meine Tiere auf seinem Grundstück zu begraben. Damals hatte ich abgelehnt, da ich meine beiden Hennen so beerdigen konnte, dass ich die Stelle vom Balkon meiner jetzigen Wohnung aus sehen kann. Da mein Freund und ich aber derzeit nach einem „größeren Wellizimmer“ Ausschau halten und ich die Gegend sicher bald verlassen werde, kam ich auf das Angebot zurück. Der Vater meines Freundes, selber Tierhalter, kam sofort vorbei, holte Küki und mich ab und suchte in seinem Garten den wohl schönsten Platz für ein kleines Grab aus: eine Efeubedeckte Stelle zwischen einem großen Flieder und einer wunderschönen Rosenhecke. Im Nieselregen beerdigten wir Küken Pulcina.

Auf dem Rückweg dachte ich über die Phrase „Happy End“ nach. Irgendwie ist es das… ein Ende, aber ein glückliches. Eigentlich sollte es heute ein schöner Beitrag werden anlässlich der zweiten Woche nach ihrem Einzug. Ich bin sehr traurig, dass Pulcina nicht mehr da ist und gleichzeitig bin ich glücklich, dass wir vor zwei Wochen auf halber Strecke kehrt gemacht haben, um sie zu holen. Wir haben alles getan, um ihr die schönsten zwei Wochen ihres Lebens zu bereiten.

Es gab auf Facebook viele liebe und tröstende Kommentare auf die Nachricht über Pulcinas Tod. Ein Mitglied der Gruppe Wellensittiche -Senioren&Handicaps formulierte es besonders schön:

Wisst ihr, manchmal kämpft man und versucht alles, um auch den Zwergen mit schlimmen Startschwierigkeiten ein Leben zu ermöglichen, und dann ist ihnen dennoch keine lange Zeit vergönnt – das erscheint einem einfach verdammt unfair. :'( Aber gleichzeitig finde ich es immer tröstend zu wissen, dass diese Würmchen noch einmal Liebe, Fürsorge und ein richtiges Leben haben durften – da zählt nicht die gelebte Zeit, sondern wie diese Zeit war. Kükie hatte das Glück, dass ihr ihr diese Chance gabt und sie hat sie genutzt. Es war zwar nicht lange, aber immerhin durfte sie noch einmal wissen, wie man sich als Welli fühlen sollte und wie Federlose auch sein können. […]

Zuhause angekommen, habe ich die Quarantänevoliere leergeräumt, das kleine Küki-Häuschen geputzt und auch die andere Voliere nochmals gereinigt, da ich den Anblick der Rindenstückchen nicht ertragen konnte, die Küki noch vor wenigen Stunden durch die Gegend geworfen hatte. Auf dem Weg zum Müllhäuschen brach die Wolkendecke auf und die Sonnenstrahlen verwandelten die Regentröpfchen auf den Grashalmen der Wiese und den Blättern der Bäume und Sträucher in Abermillonen kleiner, glitzernder Diamanten. Ich blieb stehen und atmete tief in meine vor Tränen und Trauer schmerzenden Nebenhöhlen ein. Im Beutel zwischen dem Einstreu entdeckte ich eine winzige grüne Feder. Ich nahm den kleinen, letzten Gruß von Pulcina und legte mir das Federchen in den geöffneten Handballen. Sie leuchtete Smaragdgrün und funkelte im Abendlicht. Ein aufkommender Windstoß bließ mir die kleine Feder aus der Hand und trug sie fort. Ich wollte ihr erst nach, verharrte dann aber in der Bewegung… manchmal muss man auch loslassen können.

Lebewohl kleines Küki, wir werden deine süßen Knopfaugen und dein kleines Kämpferherz niemals vergessen! <3 Grüße bitte Pepita, Mäxchen, Piumina und Antonella im Hirseland von uns!

Typische Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen

… und warum sie nicht stimmen! Aus eigener Erfahrung kenne ich die fünf typischen Vorurteile gegenüber Abgabevögeln. Im folgenden Blogbeitrag schreibe ich über ein persönliches  Herzensthema, setze ich mich mit den häufigsten Argumenten auseinander und hoffe, auf diese Weise den einen oder anderen zum Umdenken bewegen zu können.

Nobody is perfect – auch ich hatte bis vor zwei Jahren keine „second hand“-Wellensittiche. Das war keine böse Absicht, sondern passte einfach altersmäßig nicht. Ich wollte außerdem gesunde Tiere, die lange (bei mir) leben und zudem wusste ich auch nicht genau, an wen ich mich hätte wenden können. Ihr merkt es sicher schon: Ich wäre damals die wohl beste Adressatin meines heutigen Blogbeitrages gewesen! 😉

Kurzer Rückblick: Mitte November 2013 zogen nach einigen Jahren „wellifreier“ Zeit Briciolino und Piumina aus einem Zoogeschäft bei mir ein. Nach dem Eingangscheck stand leider fest, dass die junge Henne starken Trichomonadenbefall hatte, an dem sie trotz Behandlung leider im Januar 2014 verstarb. Zu spät nahm ich die Warnung anderer Wellensittichbesitzer ernst, keine Tiere im Zoohandel zu kaufen, um das Leid nicht noch finanziell zu unterstützen!

Da Wellensittiche, wie andere Vögel auch, nicht einzeln gehalten werden dürfen, kaufte ich wieder eine junge Henne – diesmal aber beim Züchter in der Nähe. Die Zuchtanlage durfte ich mir zwar nicht anschauen, angeblich um die brütenden Tiere nicht zu stören, aber ich vertraute auf die guten Feedbacks im Internet. Das auch Chiocciolina gesundheitlich stark eingeschränkt ist und bis heute eine Dauermedikation braucht, merkte ich erst beim Eingangscheck. Klar, das kann auch dem besten Züchter passieren, dachte ich und glaubte an eine Ausnahme. Im August 2014 wollte ich von zwei auf vier Wellensittiche aufstocken und kaufte wieder bei dem Züchter. Bereits im Laden hatte ich ein komischen Gefühl: Die Zuchtanlage durfte ich wieder nicht sehen, das angebotene Tier schien jünger zu sein als angegeben und trotz der Einschätzung des Züchters, es handle sich um einen Hahn, nannte ich die Kleine Antonella – zurecht, wie die Obduktion ergab, denn nach 10 Tagen verstarb die junge Henne überraschend. Grund war ein multiples Organversagen ausgehend von den Nieren. Recherchen ergaben: Im Schwarm des Züchters lebten und vermehrten sich – wohl wissend – Tiere mit PBFD (verständlich erklärt auf birds-online.de: Psittacine Beak and Feather Disease) und ich war bei Weitem nicht die einzige Kundin, die kranke, bzw. nach kurzer Zeit verstorbene Jungvögel gekauft hatte!

Sehr bestürzt über die beiden Verluste innerhalb eines halben Jahres stand ich vor der Wahl: entweder den Wunsch nach zwei weiteren Schwarmmitgliedern zurückstellen und riskieren, dass beim plötzlichen Tod einer meiner beiden Wellis wieder einer alleine zurückbleibt oder… oder es wagen, Abgabewellensittichen eine Chance auf ein (halbwegs) gutes Leben bei mir zu geben. Ich war an einem Punkt angelangt, wo es eh nicht hätte schlimmer werden können! Denn eines hatte ich gelernt: Zoohandel und Züchter, egal wie gut oder schlecht, sind auch keine Garantie für gesunde Tiere.

Ich möchte weder Zoohandel noch Züchter unter Generalverdacht stellen, aber ich hoffe, dass ich mit meinen Erlebnissen bei dir, liebe Leserin oder lieber Leser, drei Dinge erreichen konnte:

  1. Lass dir kein Tier aufquatschen, mache dir ein Bild von der Zuchtanlage und den Elterntieren, höre auf dein Bauchgefühl und unterstütze keine tierquälerischen Zuchtanlagen durch Mitleidskäufe.
  2. Nimm den Eingangscheck ernst und gebe dafür lieber gleich am Anfang 30-60 Euro beim vogelkundigen Tierarzt aus, anstatt für mehrere 100 Euro alle deine Tiere behandeln zu müssen.
  3. Gib Abgabetieren ein Chance! Dass die gängigsten Vorurteile nicht stimmen, erfährst du weiter unten.

Die fünf typischen Vorurteile gegenüber Abgabewellensittichen:

1. Wellensittiche aus zweiter Hand sind immer krank!
Falsch! Wellensittiche aus zweiter Hand werden mit den unterschiedlichsten Begründungen abgegeben, seltenst aber, weil sie Krankheiten haben. Dennoch sollte man grundsätzlich bei Neuzugängen niemals auf den Eingangscheck beim vogelkundigen (!) Tierarzt verzichten, auch wenn man von den Vorbesitzern zu hören bekommt, das Tier sei gesund!

2. Wellensittiche aus Abgaben sind immer alt und leben nicht mehr lange!
Falsch! Da Wellensittiche im Anschaffungspreis sehr günstig zu erwerben sind, gibt es leider sehr viele Menschen, die sich unüberlegt und spontan ein Haustier kaufen, ohne sich der jahrelangen Verantwortung, die ein Tier mit sich bringt, bewusst zu sein. Daheim entpuppen sich die neuen Familienmitglieder als scheu dem ungeduldigen Menschen gegenüber, sind laut und wirbeln jede Menge Federn, Kot und Körner durch die Wohnstube. Ein anderer „Klassiker“ sind ungewollte Zuchten durch Anbieten eines Nistkastens. Auch scheinen einige Eltern machmal zu vergessen, dass Tiere kein adäquates Spielzeug für Kinder sind. Diese Tiere landen in der Regel bereits ein paar Wochen nach dem Kauf im Tierheim oder werden bei ebay Kleinanzeigen verscherbelt. Natürlich gibt es auch traurige Abgabefälle, zum Bespiel, weil sich Menschen wegen gesundheitlicher Probleme von ihren Lieblingen trennen müssen oder weil der Halter verstorben ist. Abgabewellensittiche gibt es daher in allen Altersklassen: von ganz jung bis hin zum Senior! Am besten wählst du ein Tier, dass vom Alter her zu deinem bestehenden Schwarm passt.

3. Wellensittiche aus zweiter Hand werden nicht mehr zahm!
Falsch! Die Zutraulichkeit eines Wellensittichs liegt nicht am Alter, sondern am Halter… und an seinem Charakter. In meinem Videotutorial „Wellensittiche zähmen in fünf Schritten“ siehst du meinen Icaro, einen älteren Abgabevogel, der innerhalb weniger Wochen mit Ruhe und Geduld kleine Tricks und Übungen gelernt hat und mir jetzt regelmäßig „die Haare schön“ macht, wenn er auf meinem Kopf rumhüpft. Außerdem verlieren Wellensittichbabies nach der Jungmauser ihre „Kükenzahmheit“ und sind in jungen Jahren in der Regel viel ungeduldiger, wilder und beim Training weniger konzentriert als ältere Tiere.

4. Bei Abgabewellensittichen weiß man nicht, wo sie herkommen!
Falsch! Wer seinen Wellensittich aus privater Hand übernimmt, sieht sehr wohl, wie das Tier bisher gelebt hat, wie das Verhältnis zum vorherigen Halter war und was die Abgabegründe sind. Bei Tieren aus dem Zoohandel ist das nicht möglich. Wie das ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ und  DER SPIEGEL im April 2015 recherchierten, kommen die meisten Tiere für Zooländen aus dem Ausland, wo sie massenweise zu kommerziellen Zwecken unter schrecklichen Bedingungen vermehrt werden. Natürlich kann auch ein unüberlegt angeschaffter Abgabevogel unter solchen Verhältnissen geschlüpft sein, aber durch die Zeit beim Vorbesitzer bekommt man in der Regel mehr Informationen über das Tier und eventuelle Krankheiten als im Zoohandel oder beim Züchter.

5. Abgabewellensittiche gibt es nur im Tierheim!
Falsch! Die Ausrede, dass man ja gerne einem Abgabetier eine Chance geben würde, das nächste Tierheim allerdingst zu weit weg läge, gilt seit der Erfindung des Internets nicht mehr! Täglich wird ebay Kleinanzeigen deutschlandweit mit neuen Anzeigen geflutet – ein Blick lohnt sich daher immer! Des Weiteren gibt es Vermittlungsforen, über die man per Schutzvertrag Wellensittiche bekommen kann. Als Beispiel seien hier die Seiten www.welli.net (Forum für private Wellensittichhalter) und www.vwfd.de (Verein der Wellensittich-Freunde Deuschland e. V.) aufgeführt. Wer in der Nähe eines Tierheims wohnt, kann selbstverständlich auch dort nach Abgabewellensittichen fragen. Der Vorteil bei guten Tierheimen ist, dass die Tiere oft schon tierärztlich untersucht worden sind und daher Angaben zu eventuellen (chronischen) Krankheiten vorliegen.

Last, but not least gibt es deutschlandweit viele private Pflegestellen von engagierten Papageienhaltern, die ehrenamtlich und auf eigene Kosten Tiere in Not aufnehmen, Eingangschecks sponsorn und Mitfahrgelegenheiten organisieren, um Abgabetieren eine zweite Chance in einem besseren Haushalt zu ermöglichen. An dieser Stelle vielen, vielen Dank an alle, die sich für Abgabetiere aller Art engagieren, die ihre Zeit opfern, denen kein Weg zu weit ist und keine Kosten zu hoch sind!

HINWEIS: Wer Vermittlungswellensittichen helfen will, selber aber keine Tiere aufnehmen möchte, kann zum Beispiel den Verein der Wellensittich-Freunde Deutschlands (VWFD) e. V. beim Shoppen auf amazon & Co. ohne zusätzliche Kosten ganz nebenbei unterstützen. Besucht dazu die Partnerseiten, wie zum Beispiel amazon, über die angegebenen Links und die Partnerorganisationen überweisen pro Bestellung einen Betrag auf das VWFD-Konto. Die Rechnung wird dadurch nicht höher! Setzt daher einfach ein Browser-Lesezeichen auf diese Seite und besucht die VWFD-Partner nur noch über diese Links. Mehr Informationen zu den Spenden erhaltet ihr beim VWFD e. V.


NEU: Wir sind jetzt auch auf Facebook unter: https://www.facebook.com/wellensittiche.blog.videos/ und über folgende Domain zu erreichen: www.wellensittiche-blog.de

Tierhaltung heißt Verantwortung

Tiere haben einen sechsten Sinn, wenn man einen Tierarztbesuch plant. Moment – ich spezifiziere! Während die Jungs aufgrund mangelnder Sensibilität nichts checken, riechen die Mädels schon Tage vorher die Lunte: Chiocciolina tritt in den Hungerstreik, Antonia kriegt nervöse Angstzustände, Violetta bekommt Durchfall… und ich zeige alle drei Symptome!

Die Tage werden länger, draußen grünt und blüht es und eigentlich müsste ich beim Anblick meiner Balkondeko richtig gute Laune haben – eigentlich! Denn immer, wenn man glaubt, jetzt sind alle Wehwehchen ausgestanden, kommt es noch schlimmer. Das sind die Momente, vor denen sich jeder Tierbesitzer fürchtet: Erst ist es nur ein leiser Verdacht, eine kleine Verhaltensveränderung, die einem auffällt, dann gibt das Röntgenbild die traurige Gewissheit: Briciolino hat einen inoperablen Tumor!

Nur wenige Tage zuvor unterhielt ich mich mit Bekannten auf einem Papageienstammtisch über Wellensittiche und meinte noch, dass alle meine Tierchen irgendein Leiden hätten, nur mein kleiner „Zooladen-Hahn“ nicht, obwohl man gerade dort am ehesten eine profitorientierte Zucht unterstellen könnte. Wie es das Schicksal will, fiel mir ein paar Tage später bei Briciolino auf, dass seine Zehen am linken Ständer nicht mehr richtig zugriffen und taub zu sein schienen. Zwar hätte es auch eine Überdehnung oder Verletzung der Bänder sein können, da der Kleine zu diesem Zeitpunkt an diesem Fuß noch beringt war, aber mein Instinkt sagte mir etwas anderes. Es ließ mir keine Ruhe und so motivierte ich in meiner Mittagspause meinen Freund kurzerhand zu einem „Familienausflug“. Da wir eh einen halbjährlichen Check mit Krallenschneiden und Verlaufskontrollen bei Chiocciolina und Violetta planten, wollten wir bei der Gelegenheit nicht nur Briciolino, sondern gleich alle Wellis mit zu unserer Tierärztin nehmen.

Mein perfider Plan war folgender: Mein Freund sollte nicht nur den Transportkäfig vorbereiten, sondern auch alle sechs Wellensittiche einfangen, somit für alle Ewigkeit bei ihnen verkacken und ich komme nach der Arbeit ganz entspannt nach Hause, solidarisiere mich mit meinen armen Tierchen, befreie sie nach dem Tierarztbesuch aus ihrem Elend, spendiere Einmal Hirse für alle! und lasse mich als Heldin feiern!

Ich mach’s nicht spannend: FEHLANZEIGE! Der Chatverlauf mit meinem Liebsten sagt wohl alles…
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…und ihr könnt euch denken, wer mal wieder die Böse sein musste! Beim Tierarzt angekommen, machte ich mich auch da unbeliebt – aber was hatte ich erwartet, so kurz vor dem Ende der Sprechzeit mit sechs Wellensittichen?

Bei Briciolino wurde erstmal der Ring abgenommen und auf Verdacht auf Nierenentzündung behandelt. Eine Woche später wurde dann das Röntgenbild von meinem kleinen Schreihals angefertigt und brachte die traurige Bestätigung: er hat einen Hodentumor. Die Chefin riet mir von einer OP ab, da sich an dieser Stelle eines der Hauptadern befindet und die Überlebenschancen bei nur 20 % liegen. Sie empfahl mir unter Vollnarkose einen Hormonchip setzen zu lassen. Briciolino wurde noch am selben Abend operiert und konnte am Folgetag abgeholt werden. Bis Mittwoch macht der lebhafte Wellensittichhahn noch im Quarantänekäfig den Kolibri und muss sein Baytril trinken, dann darf er wieder zu den anderen. Der Chip muss, wenn er gut anschlägt und das Tumorwachstum stoppt, alle 8-10 Monate ausgetauscht werden.

Seit September war ich in wechselnder Begleitung mindestens einmal im Monat in der Vogelpraxis. Daher ist es mir eine Herzensangelegenheit euch nochmal darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich über die häufigsten Krankheitssymptome bei Wellensittichen zu informieren, um RECHTZEITIG einen Tierarzt aufsuchen zu können. Auch möchte ich als Vogelpraxis-Premium-Platin-Kundin darauf hinweisen, dass die Tierhaltung – egal ob Hund, Katze oder eben Wellensittich – ein sehr teures Hobby ist. Bitte überlegt es euch daher vor der Anschaffung, ob ihr in der Lage seid, mehrere 100 Euro im Jahr an Behandlungskosten zu tragen. Tierhaltung heißt Verantwortung! Und die Verantwortung fäng da an, wo der Spaß aufhört und die Tierhaltung Geld kostet!

An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Mutter und bei meinem Vater für die moralische Unterstützung, den Fahrservice und den finanziellen Support in 20 Jahren Wellensittichhaltung bedanken. Vielen, vielen Dank, Mama und Papa! Selbstverständlich gilt mein Dank auch meinem Freund, der weiß, wie wichtig mir meine Tiere sind, im Notfall immer für uns da ist, verstorbene Wellis würdevoll beerdigt, mich in solchen Situationen tröstet und einer Wohnung mit extragroßem und lichtdurchfluteten Wellensittichzimmer zustimmt! Danke an meinen kleinen Bruder, der eine verlässliche Urlaubsvertretung ist und der sich in meiner Abwesenheit gewissenhaft um meine Tiere kümmert. Einen großen Dank auch an das Team der Ziervogelpraxis von Frau Dr. Kling, die im Notfall auch außerhalb der Öffnungszeiten für ihre gefiederten und federlosen Kunden da sind.    

Violetta, werde gesund!

Seit letztem Wochenende bin ich gesundheitlich etwas angeschlagen und hatte mich daher auf ein ruhiges Wochenende gefreut, aber es kam alles anders.

Schon vor ein paar Tagen fiel mir die Atmung von Violetta auf. Wir waren ja gerade erst vor einem Monat zur Kontrolle und trotzdem gefiel mir irgendetwas nicht. Am Freitagabend nach der Arbeit sehe ich dann eine dicke Beule in der Kloakengegend und richtige Pumpatmung. Bei allen Ziervogelbesitzern gehen da natürlich die Alarmglocken an: Legenot?

Hektisch schaue ich auf die Uhr: Es ist kurz nach 18 Uhr, die Vogelpraxis ist bereits geschlossen und am Samstag ist Feiertag. Die Hektik droht in Panik umzuschlagen. Ich schreibe der Vogelpraxis trotzdem eine Mail – vielleicht habe ich ja Glück! Während ich den Tränen nahe in meinem Kompendium der Ziervogelkrankheiten blättere, watschelt Violetta mit den anderen auf dem Käfigboden rum und frisst ihr Abendbrot… „Oder das ‚Letzte Abendmahl'“, denke ich.

Violetta und Briciolino

Gegen 20.30 Uhr bekomme ich eine Antwort von Frau Doktor. Morgen ist offiziell geschlossen und ich solle mich im Notfall besser an eine andere Klink wenden… oder aber ich könnte morgen früh Violetti bei der Tierarzthelferin abgeben und sie würde dann im Laufe des Tagen nach der kleinen Patientin schauen. Ich atme erleichtert auf! Legenot kann zwar innerhalb von 12 Stunden für Wellensittiche tödlich sein, aber nach meiner Einschätzung ging ich davon aus, dass Violetta die Nacht übersteht.

Die Definition „morgen früh“ ist in der Regel recht relativ zu betrachten, vor allem, wenn es sich um einen Samstagmorgen handelt. Bei meinem Freund zum Beispiel heißt „samstagfrüh“ so etwas wie „man könnte sich ja mal vor dem Abendbrot blicken lassen“, ich hingegen schlief die Nacht nicht gut und stand vorsichtshalber um 6.30 Uhr auf. Violetti atmete derweil immer schwerer und drückte sich gegen die Gitterstangen. Ich wartete und wartete und wusch ab und wartete und wartete. Um kurz vor 8.30 Uhr dann der ersehnte Anruf. Wie der geölte Blitz schnappte ich mir Violetti, setzte sie in die Transportbox und packte diese mit mehreren Lagen Handtüchern auf eine Wärmflasche in einen Jutebeutel.

Für meine Mitreisenden in der U-Bahn mag der Anblick einer zerzausten jungen Frau, die ihren Jutebeutel herzte und liebvoll mit ihm sprach, etwas verwirrend gewesen sein… Also nicht die Tatsache, dass jemand eine emotionale Verbindung mit seinem Jutetäschen eingeht, sondern eher, dass dies im (fast) hipsterfreien Charlottenburg geschah.

In der Vogelpraxis angekommen, mussten wir uns auch schon verabschieden. Ich drückte meine Nase an die Transportbox und Violetti stupste mit ihrem Schnabel zart dageben – eigentlich unser Abendritual. Ich schluckte und ging.

Am Nachmittag kam der Anruf der Ärztin: Violetta muss noch bis mindestens Montag bleiben mit Verdacht auf einen Lungeninfekt und ein Ödem oder Tumor. Letzteres wird das Röntgenbild hoffentlich aufklären. Während ich telefonierte, ist weiterhin die Hölle los im Zimmer: Briciolino schreit seit Samstagfrüh und fliegt bis zur Erschöpfung durch das Zimmer, bzw. rastet im Käfig aus. Wir hoffen alle nur eines: Violetti, werde gesund!